Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 15. Juli 1931 (Heidelberg)


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Heidelberg. 15. Juli 1931.
Mein geliebtes Herz,
Ich bin ja ganz überwältigt von der Fülle Deiner Geburtstagsgrüße und ich bedaure Dich aufrichtig wegen dieses Übermaßes an Zuneigung. Denn das will ja alles einen Dank haben! - Natürlich hatte ich Freude an der echten Wärme, die aus so vielen Worten herausklang und las das alles mit Anteil. Hie und da taucht ein neuer Name auf, aber ich will Dich nicht mit Fragen belästigen. - Wie unternehmend ist die Tante in Cöln, obgleich man dem Brief die Abnahme der Kräfte gegen sonst recht anmerkt. Allerliebst ist das Bild vom Klaus Morgener. - Die liebevolle Verklärung, in der Frau Biermann ihre Nächsten sieht, hat mich ganz gerührt. Es scheint doch mit dieser Rosi ganz hoffnungslos. Und ob seine Erkrankung von Überarbeitung kommt, scheint mir doch nach allem was ich durch Dich weiß, etwas zweifelhaft. Merkwürdig steif und gedrechselt ist der Brief von Jacobi. - Mit großer Teilnahme höre ich von den Sorgen Prof. Jäger’s. Er ist
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| doch ohnehin nicht allzu kräftig. - Hier steht alles unter dem Eindruck von Gundolfs Tode. Daß er schwer krank sei, sah man ihm ja an, aber daß es so rasch zu Ende gehen würde, ahnte wohl auch er selbst nicht.
Von den nicht Geburtstagsbriefen interessirte mich natürlich Frank Thiess am meisten. Es ist fein, wie er Deine Kritik aufgenommen hat und wie er auch auf den Gedanken der psychologischen Standpunktswahl eingeht. Das ist alles so echt, ein Mensch den zu kennen sich verlohnt. Ich freue mich, daß Du mit ihm Beziehung suchtest! - Woher kennst Du aber den Traugott Vogel? Nur durch das Dir gesandte Manuskript? Es ist doch etwas Wundervolles um Dein psychologisches Verstehen, das so ganz mit dem andern gehen kann, daß er auch die Kritik annimmt und sie ihm fruchtbar wird.
- Hast Du Dich denn mit Flitner mündlich verständigt? An seinem guten Willen fehlt es offenbar nicht. In der Redaktion der Zeitschrift aber war er vielleicht garzu paritätisch?
Inzwischen sind nun Günther's wieder
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| abgereist, zuletzt sehr bestürzt über die allgemeine Lage. Der Bankkrach hat, wie mir scheinen will, für sie [über der Zeile] beide - resp. ihn - den Ernst der Situation erst ganz deutlich gemacht. Es amüsierte mich, wie er glaubte mich durch Beschönigung der Sache trösten zu müssen, da ich mit meinen letzten paar Kröten natürlich bei der Danatbank beteiligt bin!! Dabei waren sie viel aufgeregter als ich, denn ich fühle ja längst mit aller Deutlichkeit, was auch Du mir schreibst, daß es keine Sicherheit mehr gibt, weder für materielle noch für geistige Werte.
Aber darum - wenn wir auch noch so tief das Chaotische unserer Zeit fühlen - laß uns nicht den Mut verlieren. Freilich ist es so, als ob auch der Zufall mithelfen wollte, unsern Kulturbesitz zu zerstören. Der Brand im Münchner Glaspalast hat mich tief bekümmert. Aber der lebendige Geist wird sich nicht vernichten lassen. Mag jetzt eine Zeit der Nivellierung sein, in dem umge
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|grabenen Boden ruhen die Samenkörner, die in diesem Humus von neuem keimen werden. Was vergeht, ist nicht wert zu leben; nur was sich selbst aufgibt, ist verloren. Wir aber wissen doch (mit Hegel!) daß das Beste "aufgehoben" wird durch das Neue, das werden will. - Mit größter Spannung habe ich den Aufsatz von Freyer gelesen. Es ist so, daß der Einzelne sich nicht mehr die Hauptsache sein darf, daß er eingespannt ist in eine reale Welt, die alle seine Kräfte fordert. Aber die Sehnsucht über diese Realität hinaus wird bleiben - heute heißt diese Sehnsucht: deutsches Volk. Leben ist für den Einzelnen: Teilhaben an diesem Werden.
Was meinst Du damit "der bürgerliche Geist räumt die Positionen"? Ich empfinde hauptsächlich bei den bisher besser Situierten eine große Scheu vor energischer Stellungnahme, verständnisloses Vertrauen auf die Entwicklung der "Verhältnisse" (die bekanntlich "stärker sind als der Mensch!!"). Dagegen finde ich bei den Hitler-Leuten, daß sie ganz und restlos hingenommen
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| sind und bereit, sich für die Sache absolut einzusetzen. Es steckt so viel Selbstlosigkeit und Idealismus in der Bewegung und ich meine, daß der Mensch auch als Persönlichkeit gewinnt durch das Teilhaben an solcher Gesinnung. - Gewiß ist viel Unreifes und Übertriebenes dabei, aber eine Massenbewegung ist wohl nur mit starken Mitteln zu erzeugen. -
Wenn das, was wir bürgerliche Kultur nennen sich nur - ich möchte sagen: in Auserwählten durch diese aufgeregte Zeit hindurch rettet, so kann es (wie auch Freyer hofft), in glücklicheren Tagen zu neuer Blüte sich entfalten. Heute ist doch noch [über der Zeile] nur Hochwasser im Bildungsbetrieb - und eigentliche Kultur ist das nicht.
Aber ich glaube noch an einen Sinn der Entwicklung und hoffe auf ein Überwinden der Gärung, in der wir jetzt stehen. Das Fieber ist ein Zeichen der Widerstandsfähigkeit im Organismus; so sehe ich die entflammte politische Leidenschaft als eine Gesundung an. Man sollte sie nur nicht in Kindereien
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| verpuffen, wie die Studenten.
Hier ist ein beständiges Strömen auf den Straßen; wie es scheint, ohne einheitlichen Sinn. Aber alles ist aufgeregt. Daß Susanne jetzt in der Schweiz ist, wird ihr nicht angenehm sein. - Ich fürchte beinah, daß Deine griechische Reise auch zweifelhaft geworden ist? Die Ereignisse kommen so Schlag auf Schlag - aber vielleicht wird irgend ein Weg der Beruhigung gefunden? Immerhin dachte ich schon längst mit Sorge daran, daß es nicht gut wäre, gerade jetzt, wo täglich Unberechenbares geschehen kann, so weit in ferne Lande zu gehen. Adele Henning allerdings plant gerade jetzt zu ihren Kindern nach Sofia zu reisen.
Wenn Du am 6. u 7. August in Marburg sein mußt und am 9. vielleicht in Sigmaringen, dann bist Du am 8. hier, nicht wahr? - Wo ist denn nur dies Wiedener Eck? Davon hörte ich noch nie. Ich wollte, es wäre etwas Geeignetes, daß Du nicht lange suchen mußt. Das Wetter ist wie die Menschenwelt; unbe
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|rechenbar. Nach einigen unerträglich schwülen Tagen ist es jetzt bei Südwind! kühl und regnerisch. Wenn es bei Euch ebenso ist, wird es Dir hoffentlich den Dienst nicht so schwer machen, wie die drückende Hitze. Ich habe zu meiner Freude mehrfach zu tun gehabt, erst 2 Objekte in der Augenklinik und jetzt auch 2 Zeichnungen für die Frauenklinik. Wenn das doch mal wieder ein Anfang für mehr wäre! - Mit dem Befinden ist es wohl, wie man bei meinem Alter verlangen kann. Ich war nie ein Held und solche Jahre, wie wir sie erlebten und erleben, zählen doppelt. Ich leide immer sehr unter meiner Unfähigkeit und fühle mich ganz als den Typus, den Freyer schildert, der in der Innenwelt lebt. Trotzdem suche ich auch die Heutigen zu verstehen an den wenigen, die mir nahe kommen. Und da habe ich das Glück, daß es lauter tüchtige, ernste Menschen waren, deren Anderssein ich in seiner Berechtigung zu erkennen suche. Wie gern spräche ich Dich über all diese Dinge.
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| Es ist so schwer, in solchen Zeiten nur auf sich selbst angewiesen zu sein. Denn überall fühle ich so wenig Blick aufs Ganze. Jeder ist in seinem Interessenkreis eingesponnen. - Und das tägliche Leben geht ja auch weiter mit seinen Forderungen und das ist gut. Wenn man nur Zuschauer bei den Weltereignissen ist [über der Zeile] wie ich, braucht man eine Ablenkung. Daß Du, trotz Deiner Ermüdung nicht tatenlos zusiehst, sondern bewußt und unbewußt dem zu Leben hilfst, was wir die "autonome Welt des Geistes" nennen, das ist gewiß. Denn mag man daran glauben, oder nicht, sie ist da wie die Gesetze der Natur. Sie ist uns nur in ihrem Sinn verhüllter denn je durch die Katastrophen, in denen wir leben.
Ich danke Dir, daß Du mich so an Deinem Geburtstag teilnehmen ließest und hoffe auf die Fortsetzung. Auch für den Freyer habe Dank, da sind mir Deine Zeichen noch extra wertvoll. Und besonders bin ich dankbar für Deinen lieben Brief, der mir von Dir redet. Könnte ich Dir doch beweisen, daß Du nicht allein bist, daß ich Deine Last mit Dir trage und daß ich die Welt, in der wir leben mit wachen Sinnen aufnehme. Ich lebe mit Dir in jedem Gedanken. Immer Deine Käthe