Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 24. September 1931 (Heidelberg)


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Heidelberg. 24. Sept. 1931.
Mein geliebtes Herz!
Deine reichhaltige Sendung war mir eine große Freude, vor allem natürlich Dein Brief. Daß Du vielleicht mit Oesterreich reisen wirst, ist mir recht beruhigend. Wie kommt er denn zu solchem Unternehmen? Und wie schön, vorher einige Tage in Venedig. Ich war ja gleich erstaunt, warum Du nicht den Seeweg nehmen wolltest und vermutete Sorge vor Sturm und Krankheit. Aber es ist doch immer noch ratsamer heute, sich der Gunst der Elemente anzuvertrauen, als der Unsicherheit attentatsbedrohter Eisenbahnen. Wer weiß, was damals bei Würzburg nicht in Ordnung war! - Auch könnte ich mir denken, wenn Du das Schaukeln verträgst, daß die zwei Tage Schiffsruhe Dir recht erholend wären. - Es ist ja immer mit einer gewissen Reserve, daß man heute an eine längere Abwesenheit denkt. Du willst ja auch noch keine Entscheidung treffen - aber ist es nicht schließlich das einzig Richtige, seine Pläne durchzuführen, solange keine zwingenden Hindernisse bestehen? Wer weiß, wann es sonst noch möglich wäre! - Sehr lieb ist es mir, Dich dort allenthalben von menschlichen Beziehungen umgeben zu wissen. Du tust den Leuten ja nur einen Gefallen, eine Ehre, mein Liebstes, wenn Du Gebrauch von ihrer Hilfsbereitschaft machst.
Wie seltsam ist es, das stolze England in Not zu wissen. Sie sind das Rom, wir das Griechenland der Neuzeit! - Was wird sich entwickeln? - Merkwürdig ist die Feindseligkeit gegen die pädagogischen Akademien; sie ist rein klassenmäßig-politisch begründet. Ich las das oberflächliche Aburteil auch bei den Nazis. - Wie der Abbau durch Notverordnung gehandhabt wird, zeigt sich hier mal wieder an der Töchterschule, wo für eine
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| katholische Handarbeitslehrerin die Klassen in ganz unnötiger Weise geteilt werden, um ihr eine persönliche, feste Stelle zu verschaffen, die neu bestätigt ist.
Woher habt Ihr die zwei Mittagsgäste; kanntest Du sie schon? Die vielen Briefe habe ich mit Freude gelesen. Sehr nahe berührt haben mich die Zeilen von Frau Muthesius. Wie wundervoll muß Deine Rede gewesen sein, um sie so tief zu ergreifen; denn ihre schwerflüssige Art kommt nicht leicht zu solcher Äußerung. In allem fühle ich immer Dich, Du Einziger, und bin glücklich auch in anderen die Wirkung zu spüren, die von Dir ausgeht. Das ist natürlich auch die gute Seite an dem verblüffenden Anliegen von Alma. Aber die Tatsache bleibt doch verblüffend. Wer ist denn dieser " Onkel"? - Wie freue ich mich schon auf das Erscheinen des Goethe-Almanachs! Und auch nach dem Sokrates habe ich Sehnsucht. Wie wird es Dir sein in seiner Heimat?!
Daß Hilde Engel von der Lebensnähe der alten Epen spricht, hat mich beschäftigt. Es ist wohl so, daß man heut wieder mehr Verständnis für die grausame Härte jener Menschen und Schicksale haben kann, die früher in sanften Friedenstagen unerhört schien. - Mit dem Photographieren ists also nicht weit her. Da siehst Du mal, daß auch andre es nicht besser machen! -
Sage, wer schreibt das über Nizza an wen? Ob es ein Genuß ist, in der heißesten Zeit an der Riviera? Hast Du Dich breitschlagen lassen??
Daß die Klage nun der Linnert wirklich einlief, ist lächerlich. Der Rechtsanwalt sei ein jüngerer Mann, wie Walther sagte: ein unbeschriebenes Blatt. Er will sich wohl was verdienen! Walther war nämlich am Samstag überraschend hier auf der Rückreise aus Kärnten, Steiermark etc. Ich habe nichts Näheres erzählt, nur nach dem Mann gefragt. - Der Besuch verlief friedlich, aber es ist doch immer eine störende
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| Atmosphäre, die ihn umgibt. Auch fing er noch im letzten Moment am Handgepäck Streit an, so daß ich schleunigst voranging, um es nicht hören zu müssen. Ein wunderlicher Mensch. - In München hatte er sich eingehend mit deutsch-nationaler und nat.-soz. Literatur befaßt und vor allem die Sache von Frau Ludendorff über die Freimaurer aufgegriffen. Sie muß eine schreckliche Person sein, daß sie sich nicht scheut, gewaltsam Verdachtsgründe dafür zu suchen, daß ein edelster Mensch an einem gemeinen Verbrechen teilhaben solle. Es kann ja nicht zu beweisen sein, und was wäre auch damit gewonnen für uns? Es ist eine sonderbare Sache, im Dunkel zu wühlen! - Aber sicherlich glauben heut viele an ihre Märchen und auch damit hängt die Abneigung gegen Goethe zusammen. Ist es nicht sehr charakteristisch, was der einzelne aus der Geschichte herausholt? Und der Sieg bleibt doch dem höheren Leben, dem Du die Worte leihst.
Ganz starr war ich dann bei Walthers Äußerung gelegentlich der Erwähnung gewisser sozialer Mißstände: "Das kommt eben von unserer verfehlten christlichen Kultur, die jeden Menschen als gleichberechtigt nimmt, anstatt die Untauglichen auszumerzen oder mindestens ihre Vermehrung zu hindern." - Frau Kapp-Schwörer tauchte vor mir auf und die Tagung auf der Reichenau. Vielleicht ist es doch nicht ganz ohne Grund, daß solche Gedanken jetzt allgemeiner werden, daß eine Notwehr der menschlichen Gesellschaft einsetzt. Denn das ist ja richtig, daß es Individuen gibt, die unerziehbar bleiben.
Ich bin sehr begierig, welche Eindrücke Du von den heutigen Griechen in ihrer heimischen Umgebung haben wirst. Von dem eigentlichen Volk erfährt man freilich nur, wenn
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| man neugriechisch versteht. Aber Du wirst auch so mehr beobachten, als andere, denn Du spürst was in den Menschen ist. Sorge nur für eine recht große Portokasse, daß ich viel Nachricht bekommen kann! - Wie hat sich wohl die Sache mit dem Schweizer Guthaben geregelt, war die Reichsbank einsichtig?
Immer vergaß ich Dir zu schreiben, daß Frl. Lang mich nach Kreuznach fürs Wochenende (12. u. 13. Sept.) einlud. Natürlich schrieb ich gleich dankend ab. - Auch von Hermine kam ein Brief - sehr traurig. Da ist jetzt die dritte (verheiratete) Schwester schwer krank im Neustädter Krankenhaus. Es ist eitrige Bauchfellentzündung, also wohl wenig Hoffnung. Die beiden Kinder von 3 u. 6 Jahren sind in Fürsatz. Auch der anderen Schwester geht es noch wenig gut. Dabei der schlechte, kalte Sommer, der die Ernte verderben läßt. - Der Brief ist wieder so natürlich, herzlich und schlicht, daß es einem sehr gefallen muß.
Gestern war ich mit zwei 75jährigen auf dem Heiligenberg in der Waldschenke; nämlich dem Vorstand und einer Malerin, Frl. Stark. Das kleine Lokal ist so gemütlich, da müssen wir auch mal zusammen hin. Bei dem jetzigen kalten Wetter ist die Luft hier sehr angenehm. Wir hatten heut nacht schon unter 0°. Da ist es wohl kein Luxus, wenn man endlich anfängt zu heizen. Ich fing an, rheumatische Schmerzen zu bekommen, weil ich so gern noch die Feuerung sparen wollte. - Daß Du mit Petersen und Susanne etwas in die Natur gehst, freut mich herzlich. Es ist nur leider bei Euch so schwer erreichbar! Grüße mir Freienwalde - Susanne natürlich auch!
Immer mit dem Herzen bei Dir grüßt Dich innig
Deine Käthe.