Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 5. Februar 1932 (Berlin/Dahlem)


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<Stempel: Prof. Eduard Spranger
Berlin-Dahlem=Dorf
Fabeckstr. 13>
5.2.32
Mein innig Geliebtes!
Zum 1. Mal in diesem Jahre habe ich so etwas wie ein Weekend, d. h., da heut Abend und morgen Vormittag eine Hochschulverbandssitzung ausfällt, so ist nur heut Nachm. eine 4stündige Sitzung und morgen 2 Pflichtbesuche. Trotz aller Mühen aber ist noch nie so viel unerledigt geblieben, wie in diesem Januar.
Der Rundfunkvortrag hat mir viel Schmerzen gemacht. Der Versuch, über die 1. Fassung ein urteilsfähiges Gutachten von Susanne zu bekommen, mißglückte völlig. Die 2. Fassung habe ich dann dem Staatssekretär der Reichskanzlei Pünder selbst unterbreitet, der sehr zufrieden war (was er m. E. nur konnte, wenn man schon damals an den langsamen "Abbau" Brünings dachte.
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Von einigen Stellen kam sympathisches Echo. Mir selbst lag nicht viel daran; denn daß das unmöglich ist, was ich vorschlug - nun, das mußte meinem Realitätssinn klar sein. Wohin wir steuern, ist mir aber unklar. Ich kann mich z. B. nicht entschließen, der Aufforderung Salms nachzukommen u. für die Hindenburgwahl zu unterschreiben. Erstens ist mir der Enthusiasmus der Judenblätter verdächtig; zweitens halte ich den unvergleichlichen Mann nun wirklich für zu alt. Ob er überhaupt noch ausreichend orientiert wird?
In der Staatswiss. Gesellschaft fand mein Vortrag "Abiturientenexamen und Hochschulreform" starken Besuch (22 statt sonst 10, das ist ja ein geschlossener Kreis) und viel Interesse, das sich in einer nächtlichen Diskussion austobte. Am Sonntag sprach ich für wohltätigen Zweck über "Die Psychologie der Lebensalter" (besonders über das Greisenalter). Es war einer meiner schönsten Vorträge, den Verständige auch sehr gewürdigt haben. Die Witwe von Helfferich ist immer da - und
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| ich erkenne sie nie. Auch Partenkirchen 1916/7 (+) stand wieder auf: Frau Nußbaum und die Elisabeth Waller, jetzt hier verheiratet.
Frau Kerschensteiner hat mir das hinterlassene große Ms. von ihm geschickt. Wann soll ich es nur lesen? Ich bin wirklich sehr arbeitsfähig, aber die kommenden 3 Wochen bringen unzählige Prüfungen. Man rackert sich tot - und doch geht alles ins Unbestimmte.
Bei dieser Wendung fällt mir der Brief von Heinz ein, den ich beifüge. Das sieht mir doch sehr bedenklich aus. Ich kann ja nicht beurteilen, wie diese verdächtige Apathie in sein sonstiges Wesen hineinpaßt. Aber ich würde den Fall als Vater aufmerksam behandeln. Es gibt doch jetzt Mittel zur Behebung sekretorischer Störungen, falls etwa dergleichen vorliegen sollte.
Dein Vortrag über den Rheumatismus beweist wieder Deine große medizinische Einsicht. Lieber wäre mir, Du hättest weder diesen Rheumatismus noch diese Weisheit. Wie geht es denn jetzt? Wenn Ihr ähnlich herrliches Wetter habt
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| wie wir, dann müßte es eigentlich günstig auf Dich wirken. Ich danke sehr herzlich für die schönen Schneerosen, die recht gut angekommen sind. Ich packe jetzt alles selbst aus, nachdem ein Brief aus Kreuznach vom 30.X erst am 30.I. in einer Kiste gefunden worden ist.
Am Dienstag habe ich Frau Jaeger besucht. Von der Seite aus sah alles nun wieder anders aus. Eigentlich ist es mir sehr traurig, daß der Humanismus auf so brüchigen Grunde ruht. Gestern - an meinem immer schwer besetzten Freitag - waren Herr Niemeyer u. Frau zum Kaffee da. Als ich endlich um ¾ 9 sehr müde nach Hause kam, hörte ich, daß die Witwe des Herrn Preßler (1922 zuerst u. zuletzt gesehen, P. war Freund m. Vaters, aber bis ins höchste Alter Junggeselle gewesen) seit Stunden auf mich wartete. Ich floh in den Krug, heute wurde dieses Belagerungsverfahren fortgesetzt; was sie will, ist ja so ziemlich zu erraten; aber auf
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| Gewalt reagiere ich nicht.
Mit den Korrekturen des Buches Siemering-Spranger bin ich so ziemlich durch.
Frau Rohde schreibt lyrische Briefe aus dem verschneiten Walde bei Insterburg. Die Vertretung ist ausgezeichnet; alles geht genau wie sonst. Aber - ohne jeden Zshg damit - die magere eiserne Pallas Athene ist einfach verschwunden (genau wie früher ein Kupferaschbecher) Ob Frau Rohde sie zertäppert hat? Darin ist sie nämlich groß.
Von Ludwig oder seinen Töchtern kein Wort. Ich habe natürlich keine Zeit hinzugehen. Frau Witting hat endlich geschrieben (ich hatte schon früher etwas wegen Kersch.s Tod erwartet; aber man ist dort sehr mit sich selbst beschäftigt.) Sie ist nun doch - leider - ein Wrack. Die Gräfin d'Haussonville wollte im Anschluß an den 5.III. in München eine weibliche Arbeitsgemeinschaft arrangieren. Ich habe ihr geschrieben, daß mich die schlecht vorbereitete Reichenausache vor Wiederholungen warnte.
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Das Heft von Stark über Hitler habe ich auf der Rückreise von Cassel gelesen. Ich finde es aber schwach. Man zeige mir endlich Substanz. Das Ganze erinnert an das Täufertum: Seher, die nichts sehen. Sonst müßten sie doch nun etwas sagen, was in unsre Zeitlage paßt.
Jetzt hätte ich wohl das Wichtigste erwähnt. Die Fehler mußt Du selbst herauskorrigieren. Ich packe jetzt noch einiges für Dich zusammen und füge nur viel herzliche Wünsche und Grüße hinzu.
Dein
Eduard

[] Günthers Sache steht nicht aussichtlos. Vielleicht gibst Du ihm einen Wink, daß er ev. (aber nur so) Ende des Semesters nach Berlin reisen muß.