Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24. Februar 1932 (Berlin/Dahlem)


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<Stempel: Prof. Eduard Spranger
Berlin-Dahlem=Dorf
Fabeckstr. 13>
24.II.32.
Mein innig Geliebtes!
Das ist nun also der 60. Geburtstag, den Du morgen feierst. Ganz allmählich spürt man, daß man nicht mehr zu den Jungen zählt. Aber so viel man auf der einen Seite verliert: das Leben wird feierlicher und man lernt immer deutlicher, das Zeitlose in ihm zu spüren. Im Geiste dieser Zeitlosigkeit unsrer Gemeinschaft sende ich Dir die innigsten Grüße und Wünsche!
Zu dem besonderen Tag sollte ich wohl besondere Gaben bereithalten. Aber es sind sehr bescheidene Dinge, die ich schicke: das eine ist etwas Wasser auf Deine nationalsozialistische Mühle und das andere etwas Fell auf Dein notleidendes Kreuz. Beides
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| wirst Du hoffentlich sinngemäß verwenden. Insbesondere der Schwanz enthält ganz wunderbar heilende Kräfte. Man muß das Fell aber Tag und Nacht tragen, und so lange, wie die Königin Isabella ihr Hemd.
Der Brief geht mir etwas lahm von der Hand. Ich habe mir am Freitag, vermutlich durch Ansteckung von einem Ministerialrat im Reichsministerium des Innern, eine schwere Erkältung geholt, die für diese anstrengenden Semesterschlußtage sehr überflüssig ist. Heut ist es schon etwas besser; hoffentlich setzt sich nichts fest; die rechte Seite (die alte Wunde) tut mir etwas weh. In diesem Zustand mußte ich viel Geselligkeit mitmachen: am Sonnabend war Seminarabend, 16 Personen! Frl. Schröder machte in friedlichem Verein mit Strasens die Sache ausgezeichnet. Frau Rohdes Rückkehr hatte ich ausdrücklich erst für 2 Tage nach dieser Aktion erbeten.
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Und am Sonntag zum Kaffee waren die 3 Geschwister Conrad da, mit dem Gatten der mittleren, ORR Honig - Stettin. Montag u. Dienstag waren zahlreiche Staatsexamina. Übermorgen schließt nun das eigentliche Semester. Ich komme mit der Vorlesung einigermaßen zum Schluß: noch sind 350-400 geduldige Leute da.
Vor einiger Zeit besuchten mich Herr und Frau Engel (Bonn) mit der Turntochter zum Kaffee. Sie lassen grüßen. Im Anschluß daran wagte ich, der Einladung von Reinhardt zu einer Riesenwohltätigkeitsvorstellung im ehemaligen Cirkus Renz ("Hoffmanns Erzählungen") zu folgen. Erika hatte ich dazu aufgefordert. Die Rache blieb nicht aus: der Chauffeur klemmte meinen Wintermantel auf der Hinfahrt ein. Er zerriß derartig, daß ich sofort einen neuen machen lassen mußte. In meiner Nähe im Theater saßen u. a. Gerhart Hauptmann, v. Seeckt, Planck, und so ziemlich alles Prominente von
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| Berlin. Aber Hindenburg kam nicht. NB: Ich habe auch den Aufruf des Grafen Westarp nicht unterschrieben. Der ehrwürdige Mann ist zu alt für die notwendig werdenden Aktionen. Vermutlich werde ich garnicht wählen.
8 Tage nach dem Theater hielt ich einen Vortrag für die Taubstummenlehrer über "Neue Psychologie u. Taubstummenbildung". Auch bei Maiers war ich in der neuen Wohnung eingeladen, aber das strengte mich wieder maßlos an.
Ich sende den Brief von Heinz zurück. Jetzt kann ich nicht ausführlich an Hermann schreiben. Willst Du nicht einmal anfragen, was man in Stolp sonst für Beobachtungen gemacht hat.
- Rösi Biermann soll als unheilbar in eine Anstalt überführt sein!
Mein Programm für die nächste Zeit ist dieses: Freitag 4.III. Abreise nach München (Hôtel Wolf.) 5.III. Rede im Euckenbund, 6.III. Rund
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|funkrede bei Trauerfeier für Kerschensteiner. 7.III. Landerziehungsheim Reisinger (Neffe von K) am Ammersee. Dann ca 10 Tage Partenkirchen. Nach kurzem Aufenthalt in Berlin Goethefeier in Weimar. Aber Gründonnerstag Abend wieder Berlin. Vor Semesterbeginn noch einmal Geschäftsreise Aschaffenburg - Regensburg.
Günther wird sein Colloquium erst zu Beginn des neuem Semesters haben. Hans Heyse ist als Ordinarius nach Königsberg berufen u. naturgemäß sehr glücklich. Ich sprach ihn gestern.
Frau Rohde hat die eiserne Pallas Athene von 1917 so demoliert, daß nichts zu retten ist - ich bin von energischen Leuten umgeben! Auf wiederholte Nachfrage wurde mir das évènement wenigstens mitgeteilt.
Du wirst bei dem Umzug wohl allerhand helfen müssen. Aber hüte Dich von dem Durchzug dabei. Es schadet
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| nichts, wenn Du statt Deiner verfehlten medizinischen Theorien einmal die falsche Meinung anderer Leute gelten läßt.
Ich muß nun wohl schließen; denn es ist viel zu tun, und alles geht z. Z. bei mir sehr langsam. Leider sehe ich auch für die Ferien keine eigentliche Ruhezeit. Allzuviel ist seit Neujahr liegen geblieben.
Sei meiner Nähe an Deinem Festtage gewiß. Ich wünsche Dir eine stille, gemütliche Feier und außerdem alles, alles Gute in der Liebe und Treue, die Du kennst.
Immer Dein
Eduard.