Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 12. März 1932 (Partenkirchen)


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Partenkirchen, den 12. März 1932.
Mein innig Geliebtes!
Eben habe ich Deine lieben Zeilen gelesen und mit Bewegung die Notizen meiner Mutter erhalten, die du mir an dem Erinnerungstage zurückgibst. Sie wäre heut 85 Jahre - ebenso alt wie Hindenburg. -
Nachdem ich bei Aloys Fischer mit Hönigswalds u. Rehms zusammengewesen, abends Frl. Geppert im Hôtel zum Abendessen gehabt hatte, bin ich Montag früh nach Schondorf gefahren. Von 11 - ½ 4 habe ich das wirklich recht ordentliche, gesunde Landerziehungsheim besichtigt. Um 6 kam ich in Partenkirchen an. Ich war wirklich recht kaputt; denn was ich 2 ½ Wochen mit mir rumschleppte, war eben doch eine Grippe gewesen. Die Symptome auf der Brust waren recht unangenehm. Sie beginnen jetzt sichtlich zu weichen. Es ist nur noch
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| wenig Husten da, nachdem ich neulich im dicken Schnee von Klais bis Krünn (schöne Aussicht) und ohne einzukehren zurück gegangen bin, unterwegs vorsichtig Atemübungen anstellend. Günstig ist ja das Wetter bestimmt nicht. In 1 ½ Tagen ist eine ungeheure Masse von Schnee gefallen. Auf m. Balkongeländer türmte er sich 60 cm hoch auf. Es ist keine Aussicht, daß das während meines Hierseins wieder wegtaut. Auch konnte man in der ersten Zeit nirgends durch. Jetzt sind wenigstens die Hauptwege frei.
Gestern Abend ist die halbe Familie Witting (es ist jetzt wirklich so ein Anflug von Familienleben) ins Kino gegangen, wo erst Brünings Rede zu hören war, dann Reisinger eine Wahlrede pro Hind. hielt. Er hatte mich zu diesem 1. Besuch einer Wahlversammlung freundschafltich genötigt. Ich werde morgen nicht wählen. Am Unsinn ist man als Denkender nicht verpflichtet, sich zu
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| beteiligen.
Montag denke ich Flitner in Elmau zu besuchen. Vielleicht komme ich noch mit Felicitas in die Leutasch. Wenn nichts dazwischen kommt, fahre ich Freitag früh zurück und bin am Sonnabend/Sonntag in Berlin. Montag bis Donnerstag dann Weimar, Hotel Ellefant.
Meine 1. Post hier war wahrhaft international: Brief über den höchst wirkungsvollen Vortrag, den Peiser in der Universität Rom über mich gehalten hat; Briefe aus Finnland und Japan wegen Übersetzung der Jugendpsychologie; langes Schreiben eines Amerikaners, der meine Psychologie zu Tests fortgebildet hat, eine Anfrage eines Griechen wegen Übersetzung eines Aufsatzes von mir, und ein paar Zeilen aus Kronstadt. Wenn man bedenkt, daß diese Verbindungen ohne die mindeste Reklame entstanden sind ......
Der Frau Seefried (Euckenbund)
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| habe ich doch noch einen deutlichen Brief geschrieben. In Dahlem hat man mal wieder ein großes Publikum eingeladen und dann die Deutsche Welle nicht finden können. Diese Ungelehrigkeit ärgert mich. In ganz Deutschland bin ich gut gehört worden. Der veränderte Ton war nicht nur Erkältung, sondern Trauerrede, die immer mit tieferer Stimme gesprochen wird. Sie wird gedruckt. Der vorige Rundfunkvortrag ist schon heraus.
Ich bin auch hier sehr fleißig, ohne Hoffnung freilich, mein Pensum zu schaffen. Zunächst habe ich mal - Neujahrsbriefe beantwortet. Jetzt muß ich noch ein paar Korrekturen lesen. Deshalb schließe ich für heut. Ich bin froh für Dich, daß die Umzugsstrapazen vorbei sind. Pflege Dich ein bißchen. Der Frühling müßte ja nun eigentlich auch einmal kommen. Wir haben in Deutschland wenigstens kein Wetterglück mehr.
In innigem Gedenken
Dein dankbarer
Eduard.

[li. Rand] Kindermann hat jetzt alle meine Drachmen gerettet.
[Kopf] Wittings fragen lebhaft nach Dir.