Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 5. April 1932 (Berlin/Dahlem)


[1]
|
<Stempel: Prof. Eduard Spranger
Berlin-Dahlem=Dorf
Fabeckstr. 13>
5. April 32.
Mein innig Geliebtes!
Die Tage, in denen die ersten Frühlingszeichen sich regen, lassen doch die Reichenau und unser Zusammensein sehr vermissen. Es sind zwar kaum die ersten grünen Spitzen zu sehen; aber man merkt, daß etwas kommen will.
Seit meiner Rückkehr von Weimar habe ich in ziemlicher Ungestörtheit arbeiten können. In den 5 eigentlichen Ostertagen habe ich ein Ms über Jugendpsychologie für ein Jugendpflegehandbuch hergestellt. Die Arbeit hätte schon in Schönwald begonnen werden sollen. Sie interessiert mich nicht; überhaupt werden mir diese psychologischen Tifteleien mehr und mehr zuwieder. Trotzdem lese ich im Sommer u. a. Grundzüge der geisteswiss. Psychologie 2stündig, weil mir kein anderes passendes Thema einfiel. Ich bin längst nicht mehr im Zushg der Literatur.
[2]
| Seit 8 Tagen jage ich Buch für Buch durch, um wenigstens von dem Wichtigsten Kenntnis zu nehmen. Aber natürlich: zur eigentlichen Beherrschung der Sache bringe ich es nicht. Dieses Zurückbleiben hinter dem, was eigentlich geleistet werden sollte, diese chronische Hoffnungslosigkeit und Überbürdung meiner Arbeitssituation ist der eine Grund für mein im ganzen ungünstiges Befinden. Ich habe zwar, abgesehen von dem endlich etwas abflauenden Husten, über nichts Objektives zu klagen. Aber es fehlt mir an Spannkraft und Schwungkraft; und das geht wirklich bis in körperliche Symptome hinein. Irgend etwas ist mit mir los, was sich zunächst nur in wandernden Empfindungen (kaum "Schmerzen") und in dauernder Stimmungslosigkeit bemerkbar macht. Ich habe eigentlich keinen rechten Quell der Freude mehr. Im Beruf bestimmt nicht. Dazu bin ich viel zu sehr sein Sklave. Dem neuen Semester sehe ich mit starken Zweifeln entgegen, ob ich es durchhalte. Denn zu allem andern: in Weimar ist mir aufgegangen, daß es allerhöchste Zeit ist, mit meiner Rede für das Pfingstweimar (Goethe der Greis) zu beginnen.
[3]
| Diese Rede dauert natürlich selbst nur 1 Stunde, muss aber aus einem ungeheuren, mir z. T. noch unbekannten Material herauswachsen (und zum Wachsen gehört Stille, Ruhe.) Nun lese ich schon seit einer Woche Biedermanns Sammlung der Goetheschen Gespräche von 1815-1832, das sind reichlich 2 ½ -3 Bände. Die Zettel häufen sich - alles, um die eine Stunde reden zu können. Für die Behandlung der Briefe in gleicher Art suche ich eine Studentin, die natürlich genau an dem Tage nach Kassel abgereist ist, wo ich mit meiner Anfrage kam. All diese Arbeiten aber müssen in wenigen Tagen abgebrochen werden; dann kommt die Reise, dann der Semesteranfang.
Regesten: Karfreitag allein in Lankwitz - Mariendorf; Sonnabend: Besuch vom Hunsrückdichter Bauer, Sonntag (Ostern) bei Frau Kühne u. Rudolf. Montag bei Nieschling in Potsdam (Mutter mit 92 Jahren wiedergesehen.) Dann kleinere berufliche Kaffeebesuche bei mir. Donnerstag mit Rudolf Kühne in Tegel - Frohnau. Es ist aber bei seiner einsilbigen Art kein Fortschritt zwischen uns. Freitag mit Frl. Silber bei Frl. Wingeleit. Sonnabend kam Susanne abends zum 1. Mal wieder. Sonntag bei Reimeschs (früher Kronstadt.)
[4]
|
Die Palastrevolution bei mir ist dadurch beigelegt, daß Herr Strasen auf m. Anregung mit Frau R. sprach und mir dann ein äußerlich geordnetes Zusammenarbeiten zugesagt wurde. Für Strasens wäre der Auszug auch eine Katastrophe geworden.
Lenz geht es schlecht; Trombose. Er wird sich schwerlich davon noch einmal erholen. Frl. Rauhut war einmal hier, vorläufig noch sichtbar humpelnd. (kein Mieter!)
Deine Hitlerneigung ist mir ein interessantes Phänomen. Im ganzen sind wir beide doch zu besonnen, um der Bewegung etwas anderes als guten Willen, Begeisterung und die Kraft der Verzweiflung zuzutrauen. Aber auch ich bin der Meinung, daß in dieser Hülle etwas Wertvolles steckt, und je mehr es verfolgt, je unterdrückt wird, um so mehr neige ich dazu, am Sonntag meine bisherige Passivität in Aktivität zu verwandeln. Trotzdem hielte ich es für ein Unglück, wenn H. Reichspräsident würde.
Am Montag sehr früh fahre ich nach Aschaffenburg (Hôtel ist noch unbekannt.) Am Mittwoch, vermutlich schon um 9, geht es weiter nach Regensburg (Hôtel Maximilian, wo wir
[5]
| auch gewohnt haben) Sonnabend Abend hoffe ich zurück zu sein. Am 21.IV. (unerlaubt spät) beginne ich die Vorlesungen, wovor ich mich schon heut graule.
Dein Haus strahlt nun also im neuen Glanz. Aber ich sehe noch nicht, wann ich es einmal werde bewundern können. Pläne sind ja diesmal etwas besonders Gewagtes. Aber da ich am 4.VIII in München zu reden habe, denke ich ans Allgäu, Gegend Oberstdorf, und dort dann hoffe ich auf ein - wenn auch vielleicht erst Mitte August realisierbares Zusammensein.
Am Hause muß viel gestrichen werden. Der Lärm der Nachbarschaft trübt jeden Tag mit schönem Wetter.
Von Biermanns, die umgezogen sind, immer noch keine nähere Nachricht.
Ich muß jetzt wohl schließen und tue es mit vielen herzlichen Grüßen, auch an unsre Freundin.
Dein
Eduard.

[] Im Juni kommt wahrscheinlich Louvaris.