Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. April 1932 (Berlin/Dahlem)


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<Stempel: Prof. Eduard Spranger
Berlin-Dahlem=Dorf
Fabeckstr. 13>
23.IV.32.
Mein innig Geliebtes!
Es ist wirklich "nicht viel mit Dir los." Dieser, leider nicht neue Tatbestand beunruhigt mich um so mehr, als es Dir jetzt noch mehr an Pflege fehlt als früher. Was soll man da nur machen? Ich bitte Dich, da man doch jetzt Hilfskräfte leicht bekommt, in ähnlichen Fällen eine Art von Pflegerin zu nehmen, ohne Rücksicht auf die mir zu liquidierenden Kosten. Denn der Gedanke, daß Du Dir selbst und allein helfen mußt, obwohl Du krank bist, ist auch für mich sehr unzuträglich. Darf ich hoffen, daß Du wirklich gestern wieder ausgehen konntest?
Hier ist auch ein wenig Frühling. Der Garten ist durch Abrundung der Rasenflächen sehr viel hübscher geworden. Ich "sehe" ihn doch wenigstens.
Morgen ist also die große Entscheidung. Deine Partei kann ich, trotz mancher Sym
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|pathie, nicht wählen. Meine ist mir ebenfalls nicht nach dem Herzen. Die ganze Wählerei verdirbt den letzten Rest der Volksmoral. Gelogen und geschimpft, letzteres auf wüstete Art, wird leider auch von den Nationalsozialisten. Wenn sie an die Macht kommen, werden sie alle Fehler der Gegenseite auf ihre Art machen. Daß Krieck, der immer weiter schimpft und nun zuletzt sogar in Disziplinaruntersuchung gekommen ist, der einzige bisher sichtbare Exponent auf meinem Felde ist, scheint mir kein gutes Zeichen.
Mit den Katholiken, sogar mit den Jesuiten, habe ich z. Z. auch eine kleine Auseinandersetzung. Du wirst das Objekt aus einer Notiz in der "Erziehung" kennen lernen. Der Fall scheint aber schon friedlich beigelegt, nach einem soeben eingetroffenen Brief des Jesuitenpaters Schröteler. Immer diese Indiskretionen!
Das Semester hat begonnen und mich - natürlich - sehr unvorbereitet getroffen. Ich lese Gottlob wieder in der Dorotheenstr. Beide Vorlesungen sind voll besetzt. Mehr
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| kann man nicht verlangen. Hingegen ist das Seminar auffallend leer (Übungen zur Gesch. d. Höh. Schulwesens im 19. u.20. Jhrhdt) 50 Teilnehmer. Sehr bezeichnend! Alles alte Requisit (Knaack, Mitrewitz etc. ist auch wieder da, neues leider in Sicht; sehr viele Ausländer.)
Heute habe ich einen großen Arbeitstag außer der Reihe. Ich suche schnell noch das Ms über Jugendpsychologie für das Jugendpflegehandbuch zu Ende zu bringen. Das soll aber das Letzte zu diesem langweiligen Thema sein. Die Gedenkrede auf Kersch. ist auch im Druck. Im Hintergrund droht Goethe. Es ist leider so gar keine freie Zeit sichtbar bis Ende Juli. Aber dann muß mal gefeiert werden. Der Oktober ist wieder voll besetzt.
Sonst gibt es hier nichts Neues. Ich muß auch zu m. Zetteln zurückkehren. Recht gute Besserung und innigste Grüße
Dein Eduard.

[] Den Brief von Herzog an Groener kenne ich nicht.