Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 28. Mai 1932 (Berlin/Dahlem)


[1]
|
<Stempel: Prof. Eduard Spranger
Berlin-Dahlem=Dorf
Fabeckstr. 13>
28. Mai 32.
Mein innig Geliebtes!
Mein längeres Schweigen ist nicht nur auf die chronische Überlastung zurückzuführen, sondern auch auf eine dumpfe Stimmung, in die mich die deutsche Entwicklung versetzt. Wir haben die ungünstigste deutsche Spezialisierung, die sich denken läßt: der eine den Verstand (Brüning), der andere den élan, leider mit so wenig Wirklichkeitssinn, daß man nicht weiß, in welches neue Unheil diese Kreuzungsstimmung führen wird. Ich liebe diesen heroischen Willen, wie er mir in Weimar in Bernhard Schwarz entgegentrat. Ich liebe nicht das Geschimpfe junger Leute über Hindenburg, die von der Verantwortung des Handelns nichts wissen können und diese Verantwortung, unprotestantisch genug, einem einfach geglaubten Führer zuschieben, der ihrem Verständnis gerade
[2]
| noch erreichbar ist. Ehrfurcht sollte auch heut noch eine deutsche Tugend bleiben. Der junge Mann in Marburg hätte vermutlich gar kein deutsches Vaterland vorgefunden, wenn Hindenburg nicht gewesen wäre.
Ich sprach heut einen Ministerialdirektor aus dem R.d.I. Brüning wackelt in der Tat. Man weiß keinen anderen zu nennen als Geßler, und "es heißt", daß die Nationalsozialisten Brüning gern - als Außenminister bitten möchten. Das ist doch wieder eine Probe von Naivität. Vorläufig fehlen alle Beweise eines politischen Könnens. Ich würde gern mitansehen - was kommen wird - daß die deutschen Universitäten eine Zeitlang auf den Hund kommen, wenn die Nation gerettet wird. Aber mit diesen Köpfen wird es schwerlich gelingen. Deshalb bin ich resigniert. Denn der Glaube ist gut, aber für den blinden Glauben war ich noch auf keinem Gebiet.
[3]
|
Du hast an Weimar nichts verloren. Es war der Gipfel an Stimmungs- und Geistlosigkeit, der sich denken läßt. Mir haben sie meine Rede verdorben. Aber was liegt daran - für Goethe wird man im kommenden Menschenalter doch kein Organ haben. Andere Dinge sind wichtiger.
Sonst ist nicht viel zu berichten. Ich habe die Pfingstferien durchgearbeitet. Nur am 3. Feiertag war ich mit Susanne in Belzig und Wiesenburg. Durch das ungewohnte Marschieren verschärften sich meine Nervenschmerzen. Viel Erfrischung kam nicht heraus. In Weimar war ich am letzten Tage noch mit Bernhard Schwarz zusammen. Wir sprachen über Nationalerziehungsfragen: auch da absoluter Mangel an Orientierung. Aber er ist ein ganzer Kerl.
Bald nach der Rückkehr erhielt ich die Nachricht, daß der Jugendfreund meines Vaters, Albert Landgraf, im 92. Lebensjahr gestorben ist. Ich dachte, er wäre längst tot.
Heute hatten wir wieder eine lange Sitzung im sog. Tillmannausschuß:
[4]
| lauter Notable des Geistes. Niemand weiß irgend einen praktischen Rat. Alles soll wieder Bauer werden. Aber von Brot und Kartoffeln allein kann doch niemand in unsrer Welt mehr existieren.
Es geht mir wie Dir: meine Augen sind überanstrengt. Wieder sind daran Preisarbeiten schuld (wie 1930/1). Ich habe in diesem Semester ca 9 Dissertationen, die fertig werden wollen. Was soll das Ganze? Man muß mühsam kämpfen, als einer, der noch arbeiten darf, sich das bißchen physischer Gesundheit zu erhalten.
Günther ist nun habilitiert. Es ging nicht ohne Schwierigkeiten. Man hat mir zuliebe genickt. Ich habe ihm das gesagt, und ich glaube, daß er doch alle Kraft aufbieten wird. Aber wovon leben?
Viel herzliche Wünsche für Deine Gesundheit u. innige Grüße
Dein
Eduard.