Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 20. September 1932 (Berlin)


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20.9.32.
Mein innig Geliebtes!
Ich glaube, daß ich Dir seit meiner Rückkehr nach Berlin noch garnicht geschrieben habe. Es ging schon wieder so bunt her, daß ich das Fließen der Tage kaum bemerkt habe. Gleich am ersten Nachmittag ging ich zu Herrn Lubowski und von dort zu Kurzrock. Da der letztere noch verreist war, habe ich dann den Plan aufgegeben. Er kann ja auch nichts raten. Selbst das, was ich von Oberstdorf bestimmt erhofft hatte, ist nicht eingetreten. Denn ich habe schon wieder meinem tief sitzenden Bronchialkatarrh, der vermutlich Wochen lang anhalten wird.
Jeden Tag kommen durchschnittlich 3 bestellte Besucher. Ich fresse mich durch langweilige und halbschürige Mss durch, habe aber weder Lust noch Kraft zu eigentlicher
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| Arbeit. Den Schlußaufsatz für die politische Sammlung habe ich hier vollendet - er befindet sich im Druck. Auch über den Zustand des Kultusministeriums hatte ich eine eingehende Unterredung mit einem mir befreundeten Mitglied. Man sucht für das Ministeramt einen Professor. Jetzt also wäre die Stunde der Aktion - und da eben bin ich in so verbrauchtem Zustand.
Dr. Heinz Walz war auch da; er wohnt mit seiner Frau jetzt in Heidelberg, Uferstr, und hat sich recht normal, fast etwas philiströs entwickelt. Rudolf Paulsen hat mich angepumpt. Ich bin zunächst mit 500 zinslos davon gekommen. Adalbert erzählte von s. Reise mit s. Braut, die ihn auch nach Mittenwald geführt hat. In Sachen der Linnert habe ich mir nun einen Anwalt genommen. Sie selbst aber hat mir neulich einen fast zärtlichen Brief "mit den wärmsten Wünschen für m. Erholung etc." geschrieben.
Sonntag war ich mit Susanne (als letzter Ferientag gedacht) am Finowkanal,
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| wo für den Großschiffahrtsweg ein riesiges Schiffshebewerk gebaut wird. Von dem interessanten kleinen Oderberg sahen wir nicht viel, da um die Stunde das auch jetzt noch täglich fällige Gewitter mit schwerem Regen einsetzte. Nachm. am Brunnen in Freienwalde, Abends im Hotel Schertz. Solch ein Tag ist auch nicht billig.
Gestern kam - halb angemeldet - Frau Arnthal "vorüber". Sie sah sehr erholt aus und war befriedigt. Sie deklarierte mir ihre Freundschaft und ich machte die üblichen Einwände wegen "Zeitmangels". Quincke war vom 15.VIII. an in Oberstdorf. - Heut Nachm. kommt Frau Ullmann, geb. Koschnick, aus m. Vaters Geschäft. So geht es alle Tage.
Den Vorstand müßte ich eigentlich doch auch einmal einladen. Kannst Du mir nicht ihre Adresse mitteilen?
Eine neue Patenschaft ist mir in Budapest angeboten worden. Das Kind hat so ein bißchen eine merkwürdige Vorgeschichte.
Gestern Abend war ich in einem Kreise v. Politikern (Solf etc.) Ich kam erst um 1 ins Bett. Damit ist mir dann immer die Frische für den nächsten Tag verdorben.
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Soeben kommt ein eingehender Brief von Adelheid, aber auch sonst allerhand Arbeit, so daß ich aufhören muß. Der frz. Revue habe ich zugesagt. Frl. Silber werde ich nach ihrem Staatsexamen u. nach ihrer Operation wohl als Sekretärin einstellen. Aber wie ich über die Zeit bis dahin komme, ist noch dunkel. Lottchen kommt jetzt fast alle Tage und macht ihre Sache gut.
Viel herzliche Grüße u. Wünsche
Dein
Eduard.