Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 10. Oktober 1932 (Berlin/Dahlem)


[1]
|
Dahlem, 10.10.32.
Frau Riehls Geburtstag.
Mein innig Geliebtes!
Die Spärlichkeit meiner Nachrichten beweist Dir schon, daß die Dinge bei mir nicht allzu erfreulich stehen. Die 7 Tage, die ich dem Hochschulverband widmen mußte, waren mir das Anstrengendste, was ich zu bewältigen hatte. Die Teilung der Existenz zwischen Zoppot und Langfuhr erschwerte die Sache sehr: man konnte mittags nicht nach Hause. Die 5 Sitzungstage forderten eine Beratungszeit von durchschnittlich 8, oft aber auch über 10 Stunden. Danzig habe ich nur für 1 ½ Stunden bei einer gehetzten Führung betreten. Das Meer sah man beim Frühstück höchstens bis ½ 9.
Es ist viel ernsthafte, aber auch viel formelle Arbeit geleistet worden. Mein Vortrag fand viel Beifall; er wird gedruckt. Im Schulausschuß bereiteten uns die Heidelberger, Hoops und Regenbogen, durch ein vielleicht nicht erlaubtes Maß von Dummheit viel
[2]
| Hindernisse. Den einzigen Punkt tieferer Differenzen bedeuteten die Studentenfragen. Seltsamerweise waren die beiden "Führer", die sich hier gegenüberstanden, Litt und ich (natürlich in alter Freundschaft.) Litt wollte nationalsozialistsiche Auswüchse, die allenthalben festgestellt wurden, öffentlich kritisch behandeln. Ich verhinderte eine solche Resolution, obwohl die gerügten Mißstände: Verlogenheit, skrupellose Agitation, Rüpelei, Gewalttätigkeit schwerlich zu leugnen sind. Was herausgekommen ist, wirst Du als Resolution in der Zeitung gelesen haben.
Einen reinen Glanzpunkt in all diesen Schlachten bedeutete die Leitung der ungeheuer stoffreichen und schweren Verhandlungen durch Tillmann. Er ist ein ganz hervorragender Geist, eine Person, ein "Führer", sans phrase und eine sehr liebenswürdige Persönlichkeit.
In späten Nachtstunden hatten wir auch gute Zusammenkünfte. Bumke
[3]
| und Franke stehen mir besonders nah.
Die knapp 7 Tage, die zwischen den beiden Reisen liegen, entwickeln sich als furchtbar zersplitternd und anspruchsvoll. Die vorgefundene Post allein war ein Berg. Frl. Silber macht das nun. Sie ist aber sehr schonungsbedürftig, hat eine große Operation und das Examen vor sich; ich wage nicht, sie sehr anzustrengen. Also habe ich mich durch den Fortgang Lottchens für den Oktober verschlechtert. Jeden Tag habe ich mindestens 3 Aufforderungen zu Vorträgen, oft durch Boten überbracht, abzulehnen. Unzählige wollen mich sprechen. Es sind politische Gründungsversammlungen, die ich z. T. doch besuchen muß; die sog. Notakademie muß aufgezogen werden. Begabtenprüfungen, Rektoratswechsel. Daneben soll ich 5 Vorträge ganz verschiedener Themata für Holland vorbereiten. Gestern überfiel mich Ludwig. Seine ältere Tochter Ursula hat ein noch nicht richtig diagnostiziertes Herzleiden. - Durchreisende in Fülle, darunter Delekat. Die Eilbriefe jagen sich. Ich bin unfähig zu irgend einem
[4]
| zusammenhängenden Gedankengang. Felicitas "erbot sich", kurz vor m. Abreise zu kommen und während m. Abwesenheit hier zu wohnen. Ich lud sie für November auf 8 Tage ein. Das paßt ihr nicht; sie möchte mich doch jetzt "sehen". Außerdem möchte sie die näheren Umstände von Orliks Tod erkunden.
In diesen Tagen ist auch ein Jubiläum der Kolonialgesellschaft. Seitzens kommen. Begegnung mißglückt.
Kurz - ein entzückendes Theater.
Susanne finde ich auffallend verändert, fast in einer Gemütsdepression. Das trägt auch nicht zur Verschönerung meiner Tage bei.
Es ist nun höchste Zeit, meine Liebe, daß Du den Nationalsozialisten Valet gibst. Sie haben sich nicht nur festgefahren, sondern sind eine staatsgefährliche Gesellschaft geworden. Schade um dies ursprünglich reine Wollen. Aber ganz ohne Intelligenz geht
[5]
| es nun einmal nicht. Was sie jetzt machen - gegen "Oberschicht", mit Streik etc, ist nichts als neue Auflage des Marxismus. Da gehörst Du nicht hin. Es war ein kurzer Traum.
Offiziell reise ich am Sonntag 16.X. ab. Da ich aber noch garnichts vorbereiten konnte, wird es möglicherweise erst am 17.X. glücken. Meine Adresse in Amsterdam steht noch nicht fest. Vermutlich Hôtel de L'Europe. Das muß nun noch sein. Wie es danach gehen wird, weiß ich nicht. Denn mein Befinden ist schwach. Nach dem Abendbrot kann ich überhaupt nicht mehr arbeiten. Die meisten Menschen klagen, daß sie im Sommer keine Erholung gefunden hätten.
Ich verstehe nicht, warum Du Dein Zimmer nicht heizest, wenn es draußen kalt ist. Mit den Bädern hast Du glücklich bis in die ungünstige Jahreszeit getrödelt. Es ist kein Zug in der ganzen Sache. Obwohl es mir auch plundrig genug geht, halte ich mich doch noch mit Energie
[6]
| zusammen. Energie verloren, alles verloren. Ich wünschte, daß Du mal den Ruck findest, den richtigen Arzt zu suchen oder die richtige Lebensweise zu finden. Man muß doch wenigstens versuchen, sich einen gesundheitlichen Auftrieb zu geben.
Mir ist es eine schwere Gemütsbelastung, gerade jetzt, wo sich alles machen ließe, so erschöpft zu sein. Aber ich kann mich nicht wundern. Im Seminar habe ich Übermenschliches leisten müssen. Nun kommt die natürliche Erschlaffung.
Linnertprozeß vertagt, bis die in Marburg schwebende Entmündigungssache entschieden ist.
Heinz schrieb mir aus Stolp. Leider konnte ich über dort nicht zurückfahren. Wer durch den Korridor nach Danzig fuhr, weiß: ohne Krieg mit Polen ist Deutschland nicht zu retten. Wir gehen also durch neue unerhörte Weltergeignisse. Was sind wir kleinen Leute in diesem Geschehen?
Herzlichste Wünsche u. Grüße. Dein Eduard.

[li. Rand] Vor Danzig besuchte ich die Geschwister Gobisch. Alice, eben aus dem Krankenhaus entlassen, spritzte Gift. Das Biest ist aber mit dem lahmen Arm schon wieder dreimal schwimmen gegangen.
[Kopf] Heut vor 1 Jahr kam ich in Athen an. Von Louvaris seit Juli nichts.