Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich's, 25./26. Oktober 1932 (Amsterdam)


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Amsterdam, 25.X.32
1 Uhr früh.
Mein innig Geliebtes!
Ich habe hier von Dir keine Nachricht erhalten, obwohl Du mich damit sonst verwöhnt hast. Vermutlich hängt das damit zusammen, daß ich vor m. Abreise von Berlin meine Adresse (wie alles andre) nur hypothetisch angeben konnte. In den ersten Tagen hier habe ich buchstäblich um mein Leben gekämpft und niemandem (außer Dir) schreiben können. Eben bin ich nun von Leiden zurückgekommen. Es war der 4. und letzte Vortrag. (18. Amsterdam, 20. Amsterdam, 22. Haag, 24. Leiden.) Alles "Geredete" ist erträglich abgelaufen. Nur der Haag war etwas unerfreulich und noch anstrengender als das übrige. Das Ganze kann ich nicht loben. Denn mein Nervenzustand war zu miserabel, als
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| daß ich irgendwann auch nur ein bißchen plus gehabt hätte, und zeitweise mußte ich mir sogar sagen, daß es fahrlässig und gefährlich ist, in solcher Verfassung ins Ausland auf Vortragsreisen zu gehen. "Nervös" muß man den Tatbestand wohl nennen, wenn Du bedenkst, daß ich seit heute Nachmittag um 3 aus einer Aufregung in die andere gefallen bin (z. T. infolge miserabler Organisation), jetzt aber in später Nachtstunde doch noch schreiben und denken kann. Der Zustand selbst ist nicht nur übel, sondern eine Quelle von Qualen, die einen anderen veranlassen würden, einfach auszurücken.
Dies Land ist gewiß sehr eigenartig, sehr lehrreich, sehr reich, sehr kultiviert, ja auch sympathisch. Aber es hat - einfach zu viel Wasser. Das wirst Du verstehen, wenn ich nur anführe, daß ich beim 2. Vortrag in der traurigen Aula der Universität Amsterdam auf dem oberen Katheder nicht nur in triefendem Regen stand, sondern
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| meine Notizen kaum lesen konnte, weil sie von dem Wasser ausgelöscht wurden, das durch das Glasdach troff. Dies ist nur eine scherzhafte Episode. Aber wer auf Klima reagiert, braucht eben mindestens 5 Tage, um hier leistungsfähig zu werden. Jetzt bin ich vielleicht so weit. Aber ich muß - nicht für heut, sondern um endlich ins Bett zu gehen, vorläufig schließen. -

26.X. früh 9 Uhr
vor der Abreise.
Gestern kam ich nicht zur Fortsetzung. Ich habe aber z. T. einen recht schönen Tag gehabt. Gegen 10 Uhr fuhr ich noch einmal nach Zandvoort hinaus, ging am Strand den halben Weg bis Ijmuiden, so daß ich die großen Ozeandampfer aus dem Kanal fahren sehen konnte. Im ganzen 2 Stunden Marsch. Nachmittags war ich dann auf der anderen Seite noch einmal am Strand und in den malerischen Dünen. Um ½ 6 wieder
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| in Amsterdam. Um ½ 7 begann das kl. Abschiedsessen, an dem Prof. Pos (der hiesige Philosoph), Lektor Dr. Kayser und Werner Imhülsen teilnahmen. Prof. Révész der Psycholog, war verhindert. Die Sache schien den Herren gut gefallen zu haben. Denn sie blieben bis ½ 12.
Der Fall Révész ist wieder charakteristisch. Er hat mich besonders liebenswürdig aufgenommen u. immer Zeit gehabt, mich zu führen. Der Name ist ungarisch; etwas jüdisch kam mir die Sache doch vor. Vorgestern hielt er seine Antrittsvorlesung: da sammelte sich Palästina aus der ganzen Welt: Pollak aus Groningen, Lederer und Mannheim (beide ehemals Heidelberg) u.s.w. Ich bin fest überzeugt, daß alle diese Universitätsdozenten jüdischer Abstammung ein Nachrichtenbüro unterhalten.
In einer Stunde fahr ich ab.
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| Ich muß packen. Im ganzen ist es mir lieb, nun endlich nach Hause zu kommen.
Bitte sage dem Vorstand, wie leid es mir getan hat, daß unsre Begegnung z nicht zustande gekommen ist. Ich hoffe, daß Dir die Bäder gut bekommen und daß es Dir schon etwas besser geht.
Viel herzliche Grüße
Dein
Eduard.