Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 31. Oktober 1932 (Berlin)


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31.X.32.
Mein Liebes!
Es ist nun in Deutschland so weit gekommen, daß selbst Leute wie wir politisch auseinandergetrieben werden. Wenn die Aufgaben, die heut bestehen, mit der Begeisterung gemacht werden könnten, dann würde ich mich gern auf Hitlers Seite schlagen. In Wahrheit ist es doch so, daß die "Bewegung", die er hervorgerufen hat, am Punkte ihrer realpolitischen Verantwortung nicht mehr abgestoppt werden kann. Er hat allen alles versprochen; also muß natürlich, wie seit 14 Jahren in Deutschland immer, auch dies noch durchexperimentiert werden. Der Erfolg wird das Chaos sein. Die Regierung Schleicher-Papen sieht diese Gefahr und stemmt sich dagegen. Wenn man alle ihre Maßnahmen sabotiert,
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| kann natürlich nichts daraus werden. Und es wird auch nichts daraus werden, da niemand etwas leisten kann, wenn jeder andere die ganze Macht haben möchte.
Für mich ist diese Regierung die letzte Hoffnung. Ich habe auch nicht die Kraft mehr, zu warten, bis der Nationalsozialismus die Erfahrungen gemacht hat, die jeder Denkende voraussehen muß. Mir gefallen die Köpfe wenig, die die gelobte neue Zeit machen sollen. Gewiß macht die Weltgeschichte manchmal aus Urschlamm nach 50 Jahren einen neuen Kloß.
Für mich ist es dann aber Zeit von der Bühne abzutreten. Und es ist wohl auch sonst Zeit dazu. Denn wenn die Werte bürgerlicher Kultur auch bei Menschen wie Dir, die Du nur zu viel von ihr in Dir hast, nicht mehr verteidigt werden - ja dann ist es eben Zeit, auf der ganzen Linie die Segel zu streichen und zu warten, was der heilige Arbeiter durch Streiks und durch das Bündnis mit dem Zentrum ausrichten kann. Aber Du magst ja darin recht haben.
<re. Rand>
Herzlichen Gruß
Dein Eduard.