Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 12. November 1932 (Berlin)


[1 mitte]
|

Briefauszüge in Abschrift von L.E. - Orginal fehlt
Berlin, 12.11.32
Ist man jung und unerfahren, dann genügt der Glaube; denn man trägt ja wenig Verantwortung. Soll man aber vor Gott und den Menschen sagen: Wo führt der Weg - dann wird man mindestens stiller. Ich glaube durchaus nicht, daß die Papens etc. ihn haben. Ich halte die Leute aber für integer: sie suchen mit Kopf und Herz. So habe ich einmal auch Hitler beurteilt. Er war auch so. Aber er - muß nun anders: diese abscheuliche Demagogie (vgl. die Bilder!), dieses gruppenhaft zu Konstitution gewordene Lügen und Verleumden, diese Blindheit gegen Realitäten! Wäre ich jung, wäre ich Nationalsozialist, d.h. - ich liefe mit, wie die Jugend glaubt, sich zu folgen, wenn sie "hingerissen" ist. Aber das wäre von uns ja frevelhaft. Die Regierung hat grobe Fehler gemacht; auch sie tappt herum; ihre Rechtsgrundlage appelliert an guten Willen. Ihr Wahlerfolg ist mäßig. Wenn ich sie gewählt habe, so ist der trübe Grund der, daß auch ich nicht nationalsozialistisch "mehr" denken kann. Der Täter in jeder Form ist mir heut lieber als der Redner. Ich bin durchaus nicht befangen und gefangen. Herr v. Gayl zitiert mich öffentlich; "Einfluß" hat allerdings nur mein Assistent Giese - offenbar hat man auch Minderwertigkeitskomplexe. Gestern habe ich bei "unserem" Reichskommissar Prof. Kähler gesessen - sehr warm zu mir, jovial, Gottseidank halb ahnungslos, was zu tun ist. Ich könnte meine ganze Zeit dorthin lenken. Es wäre vielleicht Pflicht. Aber nun: ich bin physich kaputter als am Anfang der Ferien, komme mühsam (vielleicht) durch Medikament in die Höhe. Im Seminar 250 Leute (die übrigen abgewiesen). Alles: Deutscher Lehrerverein, Wohlfahrtsministerium, Handelsministerium, glaubt in seinem Sturz, ich hätte den überregenden Einfluß. Dabei laufe ich zu Ministerialräten und Bürgermeistern, um Stürzendes durch Erbettlung von 1000 Mark zu halten. Alles schwankt und schwebt. Ich bin ein kaputtes Corpus. Aber geistig bin ich nicht ratlos. Ich sehe und ich halte. Und ich habe Kritik - mindestens dafür, wohin meine Erfahrung nicht reicht. Ich bin nicht am falschen Ehrgeiz erkrankt. Und ich meine: So muß man stehen und durchhalten, was soll denn sonst werden?
[3 unten]
|
Vor Weinachten 5 Dissertationen = mindestens 1000 Seiten minderwertigen Textes. Wer sagt denn beiden Nazis, daß einer das machen muß, daß er da Ordnung halten muß, wo er steht, daß er Dienst tut, ohne zu fragen: ist das groß genug und begeisternd genug? So denkt eben der Stahlhelm.