Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 16. November 1932 (Berlin/Dahlem)


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<Stempel: Prof. Eduard Spranger
Berlin-Dahlem=Dorf
Fabeckstr. 13>
16.11.32.
Mein innig Geliebtes!
Die vorstehenden Blätter sind schon wieder ein paar Tage alt. Der Versuch, sie fortzusetzen, scheiterte an dringenden Arbeiten. Aber auch sonst ist ein Briefwechsel ja fast unmöglich: jede Stunde wendet sich das Blatt; anstelle großer Aktionen löst sich alles in lauter kleine Teilhandlungen auf, über die zu berichten höchstens ein psychologisches Interesse hätte. Dieses besteht allerdings im höchsten Maße; denn wenn man zusieht, wie es hüben und drüben zugeht, so begreift man auch, weshalb nichts herauskommen kann. Es besteht alles aus lauter kleinen Eifersüchteleien.
Wo soll ich also fortfahren, zu erzählen? Ich kann zunächst nur konstatieren, daß man mich nach wie vor für den Mann des großen Einflusses hält und sich mehr oder weniger schamlos an mich attachiert. Aber ich habe
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| diese Art von Einfluß, die hier gemeint ist, wirklich nicht, und würde mich schämen, wenn ich sie suchte. Schlimmer ist es, daß ich die Ideen, die ich gerade jetzt beizutragen hätte, nicht reifen lassen kann, weil immer anderes dringender ist. Ich habe z. B. etwas im Kopf, was Humboldt einen allgemeinen "Schulenplan" genannt hätte. Hinreden kann man das leicht. Aber zur Gestaltung würden heut statistische Feststellungen gehören.
Wie die Regierung Papen durchkommen will - nach Bumkes Urteil und der Haltung Bayerns und des Zentrums und vor allem der "eigentlich Nationalen", das ist mir schleierhaft. Was das bedeutet, muß man sich aber klar machen: Diktatur ist auch nichts, was man beliebig lange machen kann oder der nächste auch so machen könnte: die Legitimation der Diktatur ist ihr Erfolg. Hitler würde an der gleichen Stelle noch ratloser sein und dann entweder stürzen oder sich mit der puren Brutalität halten.
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Da diese Dinge brieflich nie ausreichend zu beleuchten sind, so gehe ich zu alltäglicherem Bericht über. Am Sonntag sind wir nicht nach Buckow gekommen: zur Erreichung des Zuges fehlte 1 Minute. Wir sind stattdessen in Strausberg gelandet; der Tag hat mir gesundheitlich gut getan. Am Montag früh war ich für die "geistige Nothilfe" beim Oberbürgermeister Sahm. Die "Akademische Selbsthilfe" hingegen ist eine Karikatur: lauter ehrgeizige Phantasten, die einen nur an dem bißchen möglicher Arbeit hindern. Im Hintergrund noch immer Willkür, ja Pflichtwidrigkeit der Bürokratie.
Heut war ich nach langer Pause bei Dora Thümmel. Sie erzählte etwas, das wieder einen "Beitrag" darstellt, den ich durchaus nicht überbewerten will. Der Älteste ihres Bruders betrügt wochenlang die Eltern mit der Erzählung, er ginge zur Leitung des Kindergottesdienstes oder zum Tanz, um tatsächlich an den SA. Übungen teilzunehmen. Ist das nun echter Mut,
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| gesunder Heroismus, oder Kollektivsklaverei. Über dieses Lügensystem klagen Litt und der Münchner Bumke ganz genau so. Litt berichtet, daß sein Sohn innerlich abrücke; es gefalle ihm aber, daß er trotzdem noch an der Idee festzuhalten bemüht sei. Ich sah gestern nach langer Pause wieder meinen Helmut v. Helborn: da kann man sagen: des Herrn Geist ist auch in den Schwachen ohnmächtig. -
Ich habe eigentlich keine Schreibhilfe. Der Sohn von Michels, den ich genommen habe, kann nicht genug. So schreibe ich das Schwierige u. Eilige lieber selbst.
Willy Landgraf war hier, kam aber nicht herein, weil er unangemeldet war u. ich Besuch hatte. Mir scheint, daß dahinter ein kleiner Pump liegt. Frau Preßler hat mich auch wieder geschröpft und Grete Paulsen meldet sich - das ist ja nun gesetzlich unmöglich.
Frau Matejat hat ihren 80. Geburtstag gefeiert. Ich war am Vortage
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| da und hatte wieder meine Freude an diesem fast übermütig spielenden Geist. Sie hat Dich vollkommen apperzipiert und läßt Dich grüßen.
Nun habe ich wohl einiges ausgekramt. Ich lege ein paar Schriftsachen, darunter den Brief von Louvaris, der vor 2 Tagen kam, bei. Alle meine Bekannten sind nun in Griechenland Minister. Du mußt mir das aber bald zurückschicken. Ich habe Dich in Verdacht, daß Du noch etwas hast.
Neulich traf ich Deine Schwester in der Untergrundbahn und ging ein Stück mit ihr. Sie war sehr erkältet. Sie werden sich ein Auto anschaffen. Das müßte man in Dahlem haben. Um ¼ Stunde mit dem Oberbürgermeister zu reden, bin ich 3 Stunden unterwegs.
Alle guten Wünsche und viel herzliche Grüße
Dein
Eduard