Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 2./3. Dezember 1932 (Berlin)


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2. Dezember 1932.
Mein innig Geliebtes!
Ich bin eben von einem Balladenvortrag des Barons B. v. Münchhausen nach Hause gekommen. Da es erst 11 Uhr ist, so wäre ja also mal "freie Zeit" zum Schreiben.
Uns ist heut ein Kanzler beschert worden; fast möchte ich sagen: eine schöne Bescherung. Es kann ja daraus unter diesen Umständen nichts Vernünftiges werden. Ich beneide den "Führer", daß er so ganz allein im Besitz des richtigen Rezeptes ist. Dazu gehört fast mehr, als ein Mann vor Gott verantworten kann. Nicht mit Unrecht sagen jetzt schon manche : Der "Niedergang" seit 1918 sei kaum so schlimm gewesen, wie dieses "Gegeneinander" unter der Devise: "nationale Führung".
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Es gibt natürlich allerhand Privates zu erzählen. Zunächst im Vertrauen: Erika hat sich verlobt und wird im Mai heiraten. Er Ingenieur, nicht akademisch, aus Geislingen, tätig in Rostock. Alles sagt mir zu. - Ursula Ludwigs Herzleiden hat sich zu regelrechtem Basedow entwickelt; das sah ich schon als Laie. Wie ist da eigentlich die Prognose? - Willy Landgraf, das "roch" ich längst, wollte einen größeren Pump machen (5000 M Hypothek) und hoffte durch mich eine Stelle zu bekommen. Leider beides nicht möglich. Rudolf Paulsen hat Krach mit der in seinem Hause wohnenden SA. Sie hat ihm, so viel ich verstehe, Schulden hinterlassen, so daß er jetzt unter Zwangsverwaltung ist. Mit einer Kleinigkeit konnte ich helfen. Hingegen konnte ich den fast gleichzeitig geäußerten Hilferuf von Grete Paulsen wegen der Devisensperre nicht tätig beantworten.
Ich war vor fast 14 Tagen bei Dr. Kurzrock. Die Störungen wurden in der mannigfachsten Form immer fühlbarer. Er behauptet,
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| daß der Blutdruck normal sei, verordnete aber doch prophylaktisch Jodtropon. Später will er gegen die vasomotorischen Störungen anscheinend Kalk geben.
Vorgestern habe ich für die sozialpädagogische Frauenakademie (Alice Salomon) einen Vortrag über das Thema "Was ist Liberalismus" gehalten. Er dauerte statt der angekündigten 1 ½ Stunden 1 Stunde 40 Minuten, fand aber viel Interesse. In Leipzig werde ich über das gleiche Thema noch einmal sprechen. Dann soll ein kleines Buch daraus werden. Du weißt, wie gefährlich es in Dtschld ist, über etwas zu schreiben, was von der Mode verworfen wird, auch wenn man sich kritisch dazu stellt.
In diesem Zusammenhang muß ich Dich darauf aufmerksam machen: Kommt in Preußen eine rein nationalsozialistische Regierung, so bedeutet das für mich den Rückzug ins Privatleben. Fraglich ist dabei nur, ob man mich aktiv entfernen oder ob man mich moralisch nötigen wird, zu gehen. Diese Bewegung verträgt keine Menschen mit eigenem Kurs,
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| wie es ja selbstverständlich ist. Ganz vertraulich teile ich Dir mit, daß der Vorsitzende des Hochschulverbandes genötigt war, den Reichspräsidenten um Intervention gegen die Gewaltakte zu bitten, die der ns. Braunschweigische Kultusminister gegen die (gewiß nicht sehr schöne) T.H. in Braunschweig unternommen hat. Er soll auf Grund von § 48 gegen die Entrechtung der Hochschulbehörden einschreiten. - Da man schon jetzt von nationalsozialistischer Seite mich angreift (selbstverständlich ohne mich zu kennen, hauptsächlich wegen der Affäre mit Krieck), so ergibt sich die weitere Entwicklung von selbst. Nimmst Du nun hinzu, daß solche Berlin-Baumschulenweger Gesellschaftspiepmätze wie Walz und Frau dieselbe Couleur zu nationalistisch finden, so hast Du ein Bild, wie es in Deutschland aussieht. Ich bin glücklich, daß ich in der Vorlesung bei Sokrates-Plato stehe - da kann man den Empfänglicheren ein Niveau zeigen, das über dem Wechsel der Zeitkurse liegt. Im Seminar Kant schleppe ich 250
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| Teilnehmer mühselig bergan. Das bedeutet Di. u. Frei. von 10-1 stehend dozieren.
Außerdem laufe ich von Pontius (Reichsministerium etc.) zu Pilatus (Oberbürgermeister) im Interesse gefährdeter oder bedürftiger Institutionen, u.a. Akademische Selbsthilfe, Geistige Nothilfe u.s.w. Du hast keine Vorstellung, wie da die Menschen gegeneinander arbeiten, bis vom sachlichen Ziel nichts übrig bleibt. Und die Figuren Auch unser jetziger Reichskommissar ist im besten Falle ein jovialer Herr. Die Herren Ministerialräte richten sich, wenn sie ganz klug sind, schon auf den Nationalsozialismus ein. Ebenso beschämend ist, wie viele jetzt sich an mich heranschmeicheln, weil ich ja natürlich jetzt Einfluß habe, den ich aber so wenig wie früher in den Vorzimmern suche. Meine Zeit im politischen Sinne wird in Deutschland nie kommen. Auch in Zukunft werden die Wege meiner Wirksamkeit ganz wo anders liegen als in Ministerien. Und ich beginne einzusehen,
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| daß dies nach einem ewigen Gesetz so sein muß. Man sehe sich die Becker, Nernst, die Gewerkschaftsführer des DLV. u. des Ph.V. an - deren Zustimmung möchte man im Wichtigsten doch nicht haben.
Die Linnert ist in Marburg nicht entmündigt worden. Sie bietet durch ihren Rechtsanwalt einen Vergleich an. Wenn sie ihre Kosten trägt, soll es mir recht sein, daß die Sache endlich zu Ende kommt. Inzwischen habe ich schon einen zweiten männlichen Fall ähnlichen Charakters.
Über unsre Weihnachtspläne folgendes: Man möchte mich am 21.XII. zu einer Schulungswoche studentischer Verbände in Eisenach haben. Ich suche dem zu entgehen; denn ich müßte ja doch noch einmal nach Berlin. Seitzens habe ich in Ansicht gestellt, nach Weihnachten Baden-Baden zu berühren. Aber das ist sehr weit, und außer Freudenstadt wüßte ich in der Gegend nichts Gesundes. Dort jedoch
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| hindert die Konstellation Grüninger-Heinzelmann. Falls Anfang Januar die Vorstandssitzung des Hochschulverbandes stattfindet, müßten wir uns nach dessen Tagungsort richten: Sonst bin ich für Goslar. Es kommen aber nur 8 Tage heraus. Denn ich muß im Hinblick auf jene politische "Kaltstellung", sparen um für 1-2 Jahre Reserven zu haben.
Unten im Hause, wo man rabiat nationalsozialistisch ist (das ist logisch), wird man sich sehr wundern, wenn die erste greifbare Folge die Aufgabe meines Hauses ist, daß mir ohnehin durch seine ungünstige Lage lästig wird.
Sonderabzüge von dem Abschnitt "Gegenwart" gibt es natürlich nicht. Die Leute sollen nur 5 M ausgeben. Ich finde das sehr billig.
Am Mittwoch war außer Trudchen Bäumer auch Johanna Richter (u .a.) da, die Dich grüßen läßt.
Felizitas war bis zu den Unruhen in Genf. Sie hat also eine Weltreise Berlin-
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|Genf gemacht. In Berlin hat das gute Kind der "Prinz v. Homburg" maßlos begeistert, nicht so den Onkel Doktor, der dann um 12 ½ Sie nach Fürstenwalde bringe sollte. Felizitas versteht es, nach ihrem Stil zu leben. Man vermißt etwas die schlichte Treue, wie sie Erika hat, die doch als Kindergärtnerin am Obdachlosenasyl auch einen schweren Arbeitstag bewältigen muß.
Es geht auf Mitternacht. Ich will für heut schließen. Gute Nacht!
Dein Eduard

3.XII. Ich will heut nur noch herzlichst Grüße hinzufügen, damit Du den Brief zum Sonntag erhältst. Möge er Dich in gutem Befinden antreffen!
Stets Dein
Eduard.