Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 18. Dezember 1932 (Berlin/Dahlem)


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<Stempel: Prof. Eduard Spranger
Berlin-Dahlem=Dorf
Fabeckstr. 13>
18.12.32.
Mein innig Geliebtes!
Einen Weihnachtswunsch hätte ich wohl: nämlich daß wir diese schriftlichen politischen Diskussionen unterlassen, die 1) nie vollständig sein können und 2) von der Ecke aus, die Du zu sehen bekommst, noch theoretischer bleiben müssen, als schon bei mir. Man muß doch in der Politik in Rücksicht ziehen a) was wirklich getan wird b) was zu erwarten ist, wenn man weiter so tun läßt.
Ich möchte heut nur die Weihnachtsfragen mit Dir erörtern: zunächst Deine ausdrücklichen Fragen: 1) an Hermine habe ich 20 M geschickt. 2) für Caecilie habe ich Hildebrandts Leonardo da Vinci, ein sehr opulentes Geschenk, so daß Du Dich auf die Handarbeit beschränken kannst.
Für unsre Pläne muß ich leider meine "Krankheitsgeschichte" voranschicken.
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Nach 20 Tabletten Jodtropon bekam ich eine sehr lästige Verdauungsstörung. Ob sie vom Jod kam, ist nicht erwiesen. Jedenfalls schien es nicht ratsam, dabei das Medikament weiter zu nehmen. Unmittelbar danach traten Herzbeklemmungen in der bekannten Form auf: ich mußte nachts aufstehen und konnte, auch bei milderer Form, nicht auf der linken Seite liegen. Die Lösung dieses "Bilderrätsels" scheint mir inzwischen nachgeliefert. Am Dienstag voriger Woche traten Zahnschmerzen auf. Mittwoch steigerten sie sich rapide. Ich mußte zufällig an diesem Tage zu einer schon Wochen dauernden Weiterbehandlung zu Lubowski. Er zog Knall und Fall zwischen Prüfungen und Sprechstunde einen total vereiterten Zahn. Da seitdem am Herzen kaum noch etwas zu spüren, scheint dies (nicht dieser - denn ich habe noch mehr solcher Zähne) die Hauptursache. Die Stelle, an der er gezogen wurde, ist noch schmerzhaft, und ich werde erst morgen vielleicht erfahren, was da sonst noch ist.
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Schon aus diesem Grunde möchte ich mich nicht sehr weit von Berlin entfernen. Lubowski reist allerdings auch ein paar Tage fort. Außerdem hat Rickert mich zu einem Vortrag in Heidelberg aufgefordert; ich habe ihm geschrieben, daß ich vorläufig nicht nach H. kommen könnte. Dann kann ich mich da nicht 8 Tage aufhalten. Und was das Haus in Freudenstadt betrifft, so kenne ich es seit 1904. Es ist mindestens einmal vegetarisch und alkoholfrei gewesen; jedenfalls für unsre Ansprüche zu primitiv. (ein zweiter "Hirsch".)
Du mußt Dich also schon damit abfinden, daß ich im besten Falle nur nach Goslar kommen könnte. Und zwar denke ich mir die Sache so, daß ich erst in Dresden bei Hildebrandt einen therapeutischen Freundschaftsbesuch mache, aber noch am gleichen Tage nach Goslar weiterfahre, wo ich dann abends um ½ 11 sein könnte. Vermutlich würde dies der 4. Feiertag sein. Ich bitte Dich,
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| festzustellen, ob Du in einem Tage von Heidelberg via Kassel - Kreiensen bis dorthin kämst. Wir würden dort im Höchstfall 7 ½ Tage zusammen sein können, d. h. spätestens am 5.I. wieder abreisen.
Frl. Silber hat - nach vielem Stöhnen - ihr Staatsexamen mit "gut" bestanden. Der Inder Hameed ist im Doktor leider durchgefallen. 2 andere meiner Kandidaten bestanden am Donnerstag mit "gut". Frl. Silber muß nun leider gleich an die Operation denken. Da man ihr 2 verschiedene Formen geraten hat, will sie morgen noch einen 3. Arzt fragen. Sollte da auch keine Klarheit zu gewinnen sein, würde ich Dich bitten, daß Du einmal Carl Ruge für den Fall interessierst.
Ich war beim Jahresessen des Herrenklubs, hörte Papen reden und sah Eckener. Gestern war ich bei Sombart und hatte eine interessante Unterhaltung mit Carl Schmitt, der nach Köln geht.
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Mir, so sagt man, sei miro modo die Versöhnung zwischen Schleicher und Groener zu danken. Heut war ich mit Adalbert kurz im Grunewald; nachher kam Dorothea Thümmel.
Wenn Du einen bestimmten Weihnachtswunsch hast, bitte ich Dich, ihn mir sofort mitzuteilen. Ich schreibe noch einmal kurz zum Fest, und wenn Du zustimmst, so werde ich Dir genauere Zeiten unsres Zusammentreffens in Goslar - Hôtel Achtermann oder Niedersächsischer Hof - mitteilen. Petersen, der voriges Jahr im letztgenannten Hause war, geht dieses Jahr über Weihnachten nach Saig.
Alle Pläne sind mir vorläufig noch etwas problematisch. Morgen werde ich am Schluß einer langen Tournée erst Lubowski, dann Kurzrock aufsuchen. Die sind nun - mein Reichsgerichtshof geworden.
Besorgst Du etwas für Tante Knaps oder soll ich es tun? Viel herzliche Grüße und Wünsche
Dein Eduard.