Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 12. Januar 1932 (Heidelberg)


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Heidelberg. 12.[unter der Zeile] /15. Januar 1932
Mein Einziger,
wie bist Du nach Haus gekommen? Meine Gedanken haben Dich begleitet mit treuen Wünschen. Hoffentlich hat kein Hochwasser Deinen Weg gehindert.
Gestern abend war beim Vorstand der arme Albrecht Bolza, der nun ohne Frau in seine verödete Häuslichkeit heimkehrt. Er hat auch erzählt von der merkwürdigen Behandlung des Dr. Wetterer aus Mannheim, die der schwer leidenden Kranken doch ganz wesentliche Erleichterung in den letzten Tagen brachte, und durch die allein in Freiburg 5 Fälle von wirklicher Heilung geschehen sind. Die akademische Ärzteschaft schweigt ihn tot, obgleich er viel veröffentlicht hätte. Es wäre doch unverantwortlich, wenn hier wirklich eine sichere Bekämpfung der tückischen Krebskrankheit vorläge. Der Fall Bolza war allerdings schon in den letzten Stadien. - Auch in dieser Familie ist eine zerrüttete Ehe, aber wohl kaum auf geistiger Grundlage, da es eine Geldheirat war. Aber das bringt mich wieder umso lebhafter auf Werner Jaeger und ich bin erfüllt von der Tragik dieser Menschenleben, umso mehr als Du so wenig Glauben an die neue Bindung hast. Möchte es doch das Rechte sein - soweit das eben noch möglich ist! Wie furchtbar schwer ist es bei so differenzierten Menschen.
Du weißt, es hat auch zwischen dem Vorstand und mir jahrelang tiefe Differenzen im Zusammenleben gegeben.
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| Das ist vorüber und wir sind beide ruhiger geworden. Ich hätte es mir gut denken können, jetzt mit ihr einen gemeinsamen Haushalt zu führen, in dem ich mit einer Monatsfrau gewirtschaftet hätte, aber es wurde als pekuniär unmöglich verworfen. Auch wollte Aenne sich anfangs von keinen Möbeln trennen und wie hätte ich da unterkommen sollen! Jetzt muß sie ja weit mehr hergeben. Daß ich dann bei Mathy's im entscheidenden Moment den Stein ins Rollen brachte, war eigentlich kein Entschluß, sondern eine Handlung aus dem Unterbewußten, im Gefühl, daß dies die Rettung für den Vorstand vor der verhaßten Notwendigkeit eines Altersheimes sei. An mich hatte ich erst später gedacht und seitdem viel schlaflose Nächte. Ich bin ja im Grunde so konservativ! Es war, als wäre mir der Boden unter den Füßen fortgezogen. Darum hat es mich erstaunt und erschreckt, als Du in Coburg bei meinem Versuch, die Sache zur Sprache zu bringen, nur zu sagen wußtest, daß es jedenfalls eine Entlastung für mich sein würde. So hatte ich es bis dahin noch garnicht gesehen. Aber ich möchte auch nicht, daß Du diese Deutung festhieltest - es wäre mir schmerzlich.
Inzwischen ist hier nun der Umzug in Vorbereitung mit tausend Überlegungen und Plänen. Der Vorstand ist recht angegriffen und die ganze Sache steht als ein Berg vor ihr. Seit das Wetter besser ist, sind bei mir Mut und Kräfte wieder gewachsen und was will man auch tun - die Tage rollen weiter.
Mit Aufregung greift man täglich nach der Zeitung; aber man hat verlernt an gute Vorzeichen zu glauben. Wie herrlich wäre
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| es, wenn eine erneute Wahl Hindenburg's das Volk zu einem Gefühl der Einheit bringen könnte - mit Ausnahme natürlich der Kommunisten! Gewiß ist der ehrwürdige, alte Mann keine aktive Vertretung des Reiches, aber in seiner Würde und Pflichttreue, in seiner Repräsentation des Guten in unsrer Vergangenheit für In- und Ausland das bedeutungsvollste Symbol.
Ich lege Dir gleichzeitig ein Blatt des "Völkischen" bei, das ich Dich bitte anzusehen. Man sieht daraus, wie selbst die rechtsstehenden Blätter ganz falsch orientiert waren. Muß man nicht zugestehen, daß Hitler sich sehr klug, maßvoll und mit Pietät benommen hat?
Es hat mich sehr betroffen gemacht, daß Du meintest, falls diese Partei zur Herrschaft käme, würde Deine Arbeit umsonst sein. Ich kann das nicht glauben. Gestern erst erzählte Paula Seitz von einem Herrn, der Hitler gesprochen hat und der gesagt hat: "H. sei sich völlig klar, daß er die Leute, die die Propaganda machten, nicht diejenigen seien, die man zu einem Aufbau brauchen kann." - Er würde auch an Dir nicht vorüber gehen!
Warst Du mit dem Resultat der Würzburger Verhandlungen zufrieden? Es war gewiß sehr schwierig bei dem zunehmenden Verfall allenthalben. Gibt es irgendwo eine Möglichkeit zur Neugestaltung - ist nicht alles nur Abwehr? Sage mir, konntet Ihr Positives erreichen? Ich weiß ja, solche Sachen sind geheim, aber ich wüßte so gern, wie Dein Eindruck war.
Eine Freude war mir gestern ein längerer Brief von Pfarrer Kindermann. Er will im Sommer herkommen und mich mit seiner Frau besuchen. Manchmal ist es
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| mir ganz merkwürdig, wenn die Menschen mit solcher Sicherheit so weitschichtige Pläne machen. Er schreibt sehr hübsch von Dir, wie ich das ja freilich nur natürlich finde!
Deine Frage nach der Tagesdauer in den verschiedenen Breitengraden hat mich noch nachhaltig beschäftigt, denn es war mir wohl bekannt, daß die geographische Breite darauf den Einfluß übt - je nach der Axenstellung der Erde zur Sonne. Deine Bemerkung der längeren Tage in Griechenland konnte in der Tat nur in der Zeit nach dem Herbstäquinoktium zu recht bestehen, wo bei uns die Nächte schon über 12 Stunden dauern. Denn im Frühling nehmen die Tage je mehr nach Norden desto stärker zu; entsprechend aber in der entgegen gesetzten Jahreszeit je weiter vom Äquator umso schneller [über der Zeile] stärker ab. Also bei einer Sommerreise würde man die umgekehrte Bemerkung machen.
Von Cläre Fuerst hatte ich einen sehr langen, sehr verständigen Brief. Der Ernst des Lebens ist offenbar von bester Wirkung auf sie gewesen: die schwerkranke Mutter, ein mißglücktes Examen des Verlobten - ein sehnsüchtiger Rückblick auf die sorglose Heidelberger Zeit!
Hoffentlich höre ich bald einmal von Dir. Du weißt ja, daß dies das Licht meiner Tage ist. Ich grüße Dich von ganzen Herzen und wünschte, daß Du trotz Föhn und Regen gern an Coburg zurück dächtest. Mir ist es wie ein seltener Sonnenblick zwischen dunklen Wolken.
Wie immer
Deine
Käthe.

[li. Rand] Wie geht es Frau Rohde?