Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 14./15. Januar 1933 (Berlin)


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14.I.33.
Mein innig Geliebtes!
Länger, als ich wollte, ist die Nachrichtenpause geworden. Auch heut Abend spät schreibe ich nur stichwortartig. Mir sind heut und morgen 2 konzentrierte Tage geschenkt, und da ich zufällig sehr produktiv aufgelegt war, so habe ich heut nicht nur ganz Neues entdeckt, sondern auch gleich 24 Quartseiten strengster Formulierung hingeschrieben – ein nur zu seltenes Ereignis.
Ich will aber versuchen, Bericht zu erstatten über die Ereignisse seit unsrem Auseinandergehen. Sehr unangenehm haben mich Zahndefekte - endlich entdeckter offen liegender Nerv - gestört. Leider ist weiteres der Art zu erwarten und also in den "Ferien" eine Generaloperation. Die Sitzung des Hochschulverbandes hinderte mich, das Aufgehäufte zu erledigen. Sie dauerte fast 9 Stunden. Eine Einladung für den
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| gleichen Tag zum Reichskommissar erwies sich "als Konfusion", fand also nicht statt. Leider muß ich sagen, daß in der ganzen Tagesordnung die nationalsozialistischen Personen und Ereignisse wieder recht minderwertig waren. Eine offizielle Fühlungnahme mit der Partei lehnte man ab. Privatim hinzugehen wäre also erlaubt und gebilligt - aber niemand von uns verspricht sich leider etwas davon.
Am Sonnabend Abend waren Tillmann u. Franke zu einem von Frau R. gut organisierten Diner bei mir. Man kam über das Sachliche nicht hinaus. Auch bin ich dem Weinkenner Tillman nicht gewachsen. Vom Sonntag bis Mittwoch machte der konfuse gute Freund Jaensch aus Marburg mir durch Kommen u. Nichtkommen das Leben schwer. Er ist nun bald eine spiritistische Tante und hat versprochen, mir jemanden zu schicken, der meine Wohnung auf böse Erdstrahlungen untersucht.
Am Dienstag begann der mühselige Se
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|mesterbetrieb mit zunächst voller Besetzung. Ich mußte gleich den ganzen Tag in der Stadt bleiben wegen kleiner Verpflichtungen, d. h. bis 6, wo dann Frau Jaeger zu mir kam und ihre trüben Bilder entrollte. Am Mittwoch dauerte die Sprechstunde (nach Lubowskis Anbohrung) bis ½ 7. Dann erschien noch Wallner. Beim Abendbrot im Wartesaal Friedrichstr. füllte der zufällig kommende anhaltinische Minister v. d. Müller die "Lücke" aus. Abends hielt Freyer einen Vortrag in der von Günther (!) belebten Gesellschaft. Spät hatte ich Kollegnöte mit Tacitus u. a. Donnerstag ging ich mit Freyer ins Pergamonmuseum, aß mit dem lieben Ministerialrat Südhof vom Handelsministerium Mittag, nahm dann den langen Bericht der Notakademie entgegen und endete mit 1000 zu erledigenden Kleinigkeiten in der Akademie. Freitag (gestern) hatte ich mit einem Kreis von Studienräten etwas nach dem regulären Dienst zu beraten. Der
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| Eindruck dieser Geistigkeit war so, daß ich verstummte und zu Hause einen Cognac trinken mußte. Heut aber habe ich ein productives Sanctum gehabt und als unerhört empfunden, daß ich mich überhaupt noch konzentrieren kann.
Einzelnes: 1) Bei Kurzrock war ich. Er findet anscheinend immer die richtigen Mittel. Meine Lebensumstände kann er natürlich nicht ändern. Blutdruck normal.
2) Erwin Seidel ist im November gestorben. Seine Witwe, die ich nicht kenne, wendet sich wegen Empfehlung für kaufmännische Stelle an mich. (?) (2 Kinder.)
3) Paulsens Haus soll am 23.I. zwangsweise versteigert werden. Schmidt-Ott sagte es mir zuerst. Es fehlen 2000 M. Ich habe schon 600 M gegeben - habe mich jetzt für weitere 300 M bereit erklärt.
4) Frl. Jacoby fragt, wie sie ihren scheußlichen Mieter Gerdes loswerden könne (eingeschrieben!)
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Jubiläum, Durchreisende etc. nagen an meiner Zeit. Der Kampf um die Zeit ist mein Kampf ums Dasein.
"Volk, Staat, Erziehung" beginnt stark zu wirken. Dem Minister Becker habe ich einen sehr unliebenswürdigen Brief geschrieben und - nach kurzer Pause - habe ich von ihm - dem liberalen Menschen (?) einen sehr liebenswürdigen Brief erhalten. Den Danziger Vortrag leihe ich Dir; aber das Abschreiben lohnt nicht. Frl. Silbers Buch findet größte Anerkennung. Zollinger hat Kersch, mich und Frl. Silber freundlichst angezeigt. Frau Zollinger (Zürich VII, Kempterstr. 7), läßt Dich grüßen; ganz besonders Prof. Bochardt, Pankow, Breitestr, bei Snowden.
Die kommenden Tage sind maßlos besetzt. Ich schließe für heut. Denn dies Geschmier nach 10 Stunden Arbeit kann niemand mehr lesen.
Dein Eduard.

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15.I. früh.
Da ich an die Arbeit muß, füge ich nur noch einen herzlichen Gruß hinzu. Ich danke für die lieben Nachrichten, die ich teilnehmend empfangen habe. Alles Gute! Kurzrock sagt: Kropfoperierte dürfen in keiner Weise mit Jod in Berührung kommen. Wir haben da also Ende 1932 beide durch das Jodzeug eine Herzgeschichte bekommen. Vermutlich war auch das Wasser in Oberstdorf jodhaltig (s. Quelle bei Loretto!)
Treulichst Dein
Eduard.

[] 21.I. nachm. in Leipzig.
[] 4./5.II. in Leipzig.