Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 7. Februar 1933 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, 7 Februar 33.
Mein innig Geliebtes!
Das ungeheure Pensum, das ich heute brieflich mit Dir zu behandeln habe, umfaßt zunächst 3 Hauptthemata: 1) Politik. 2) Leipzig. 3) Haushaltfragen.
ad 1.) Wenn die Hitlerbewegung im September 1930 an der Regierung beteiligt worden wäre, so wäre es für sie und vermutlich für Deutschland besser gewesen. Sie hat sich inzwischen radikalisiert, sie muß Massenwirkungen entfalten und hat es verlernt, jene strenge Parteiauslese zu treiben, die neulich der General v. Hammerstein (Chef der Reichswehr) in kleinem Kreise so eindrucksvoll als Methode der bolschewistischen Partei schilderte. Es war mir bitter, neulich mit dem Herzen den großen Fackelzug vor Hindenburg und Hitler nicht mitmachen zu können. Aber ich glaube nicht an die Vernunft und an den Sachverstand, ja nicht einmal mehr an die
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| überwiegende Reinheit der Bewegung. Die Sache wird so verlaufen: in 1-2 Monaten ist Hugenberg und der Stahlhelm herausgedrängt; in 6 Monaten ist der Nationalsozialismus am toten Punkt: er spaltet sich; wohin und mit welchen Aussichten, das kann ich heut noch nicht sagen. Lieber wollte ich glauben, daß er sich selbst innerlich läutere. Aber eben dies scheint mir vorbei.
Wir haben nun den Studienrat Rust als Reichskommissar für das preußische Kultusministerium. Vermutlich ein Grimme, d. h. ein "Exponent" von rechts. Daß es dahin kam, ist Schuld der beispiellosen Unfähigkeit von Kähler. Als Kandidaten für den Posten wurden vorher ausdrücklich genannt: Rust, Krieck (!), Bäumler (kenne ich von Hermannstadt und Marburg; politisch = 0.) Brunstäd (Studiengenosse von mir, jetzt Theol. in Rostock,) Erich Seeberg jr., v. Hülsen (Oberpräsident in Cassel,) Krüß (Generaldirektor der Staatsbibliothek.) Am Tage vor der Ernennung fand ich alles im Ministerium
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| desperat. Ich telegrafierte an Tillmann nach Frankfurt/M., wo ich auch am Sonnabend hätte sein sollen, er möge bei Papen telegraphisch für Krüß eintreten. Er wird es schwerlich getan haben. Jedenfalls ist die Sache entschieden. Das 8 Uhr Abendblatt soll beklagt haben, daß man nicht mich statt Kähler zum Kommissar gemacht habe. Sonntag vor 9 Tagen war Martin Spahn, M.d.R. DNVP. nachm. in wichtiger politischer Sache bei mir. Was er eigentlich gewollt hat, habe ich bis heut nicht erfahren. Ich war fort. Immerhin halte ich es für möglich, daß in 2-3 Jahren die Situation für mich reif ist.
Inzwischen aber kommt Schweres. Es geht mir wie Litt, der erklärt, sich manchmal ernsthaft zu überlegen, wohin er sich vom Lehramt zurückziehen solle, dann aber wieder erklärt, man müsse den (unsauberen) "Geist", von dem auch er einmal Großes erhofft habe, entschieden bloßstellen und bekämpfen. Ich vermute, daß Rust den Krieck nach Berlin wird bringen wollen oder müssen. Dann ist es Zeit, in
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| Ehren mit Protest zurückzutreten. Heute würde mich ja eine andere Universität noch 2-3 Jahre noch nehmen. Der Konflikt kann aber auch an ganz anderer Stelle ausbrechen. Nur ausbleiben kann er schwerlich. Schon weil ich Landesvertreter des Hochschulverbandes für Preußen bin.
ad 2) Die Fahrt nach Leipzig war für mich kein Spaß, aber ein Triumphzug. Ein Sauwetter erster Klasse, wie bei unsrem ersten Wohnungsuchen dort. Der Saal des Städtischen Kaufhauses war überfüllt; selbst auf den Galerien standen sie. Ich taxiere bis zu 1400 Menschen: alte Freunde, Kollegen, Studenten, Lehrer aller Gattungen, alle Stände u. Berufe. Der 1¼ stündige Vortrag wurde mit nicht endendem Beifall aufgenommen, obwohl er schwer war. Krueger ließ nicht ab, mit unklarster Einleitung eine Diskussion zu provozieren, in der 1) er 2) Wirth! 3) ein Herr Grimmer 4) Volkelt jr. sprachen.
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| Ich sollte dann erst einmal antworten. Es gelang mir, mit einer (glücklichen, nicht verdienten) Grazie und Souveränität zu antworten und die Sache so weit zum Gipfel zu führen, daß die Quälerei mit wiederum tosendem Beifall abgebrochen wurde. Nachdem ich schon zahllose Leute am Orte begrüßt hatte, zogen etwa 50 mit in Auerbachs Keller, wo wir bis ¾ 1 zusammen blieben. Von Gesehenen u. Gesprochenen nenne ich nur, was mir einfällt: Litt, Litt jr., Freyer, Bergmann, der Stadtschulrat (übel), Frau Dr. Günther (Cröbern) Frau Kühne, Frau Langerhans, Frau Krueger, Witkowski, Joachim Wach, die beiden Töchter von Wilhelm Raabe, Geschwister Kiehm, Reumuth, Möckel, Schönebaum, Obenauer, Kippenberg (Inselverlag), Meiner (Verlag) Meyer (Verlag) Giesecke (Teubner), Jolowicz (Fock.) Frau Rohn u. so könnte ich noch beliebig fortfahren. Du kennst ja nicht alle. Um ¾ 1 brachte ich Frau Rohn nach Hause und Kippenberg mich. (Frau Rohn läßt grüßen; ist recht zusammengefallen.) Um ¾ 2 schloß der Tag.
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| Am Sonntag machte ich zwischen ½ 10 und ½ 8 7 Besuche ohne Pause: bei Wach, Kiehms, Stieda (u. Tochter) Frau Strümpell (u. Tochter) Litt (sehr charakteristische Szene zwischen Vater und Sohn bei Tisch.), Krueger (mit Anhang, eigentlich sehr harmonisch) zuletzt bei Volkelt jr (dessen einst so schöne, lebhafte Frau wieder seelisch gesunder geworden ist.) Volkelt brachte mich zur Bahn. Dort traf ich Frau Kühne (die grüßen läßt) So dauerte die Unterhaltung bis ¼ 10. Zu Hause erwartete mich Susanne. (Vermißt habe ich den Juristen Richard Schmidt u. Walther Hoffmann; Bernard Schwarz, den Nationalsozialisten sah ich, konnte ich aber nicht besuchen.)
Fortsetzung Montag: Von 9 - bis abends 9 ohne Pause in Pflicht: Vor Tisch kam Copei, um 1 Baron von Engelhardt, 4 - ½ 9 Staatsexamen, bei dem ich Nicolai Hartmann ein wenig meine Meinung sagte. Liebert im Auto Gefährte.) Dann bis 11 Arbeit. Heut natürlich erschöpft.
ad 3) Nachfolger Rohde. - Es war von vornherein meine Idee, eine Witwe mit einem (nicht zu kleinem) Kind) in Frage zu ziehen. Die Motive bedürfen keiner Erläuterung. Schon ganz von außen gesehen: meine Pädagogik läuft allmählich leer, wenn ich sie nur an der akademischen Jugend orientiere. Erst nach dieser Meinungsäußerung stellte sich heraus, daß eine verarmte und in ähnlicher Tätigkeit befindliche (geschiedene) Cousine von Susanne ev. dafür in Betracht käme. Sie wohnt in Lichterfelde, Dahlemerstr., bei ihrer Mutter, und hat ein 12 jähriges Mädchen. Gesehen habe ich sie nicht. Alles ist mit Susanne sehr klar u. eingehend besprochen worden. Der Gesichtspunkt, Susannes Familie zu helfen, hat keine Rolle gespielt. Ich bitte nun Dich, Dich zu dem Plan zu äußern, und werde in den nächsten Tagen mit Frau Rohde vorläufig darüber reden, die Mutter und Kind kennt. Dann erst werde ich die Frau (Anfang vierziger) selbst zu einer Besprechung bitten.
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Ich bin heut bei Kurzrock gewesen. Nicht wegen der Nerven. Die hat er offenbar sehr gut gestärkt. Aber daß sie nicht glänzend sind, erklärt wohl die vorstehende Geschichte des Sonnabend bis Montag zur Genüge. 14stundentage sind wohl für gesunde Nerven überhaupt nicht zu leisten. Aber ich habe ein ganz kleines Geschwürchen unter dem Arm. Wegen der Gefährlichkeit der Stelle ging ich gleich zum Arzt. Es soll aber ganz harmlos sein.
Giese hat eine Woche die Grippe gehabt. Brosius hat ihn vertreten. Ich werde morgen unsren neuen Ministerialdirektor besuchen (offiziell), übermorgen mit dem neuen Direktor der Kulturabteilung des Ausw. Amtes Mittag essen. Sonnabend halte ich wieder einen großen öffentlichen Vortrag. Montag werde ich den ganzen Tag in der Richtung auf den Spreewald Arbeitslager besichtigen. Am 27.II. soll dann mein Referat im Ministerium stattfinden. Am 6.III
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| rede ich für die Eisenbahner (und werde, wenn ich irgend kann, im Anschluß daran doch mit nach Friedrichshafen fahren, um in Westerburg vielleicht 3 Tage wissenschaftlicher Ruhe zu haben.) Am 20.III rede ich in Breslau. Am 13.V in Düsseldorf für die Eisenhüttenleute (Generaldirektor Vögler.) u. am 27.V. in Eisenach. Für eine Erholungsreise käme also nur die Zeit vom 25.III bis 16.III in Frage. Aber so weit kann ja jetzt noch niemand sehen.
Die Linnert ist also zum Vergleich bereit. Seit 8 Tagen sitzt sie wieder in meinem Seminar. Ich beeidige, daß sie normal ist.
Walz hat mir vor 3 Wochen einen langen Brief geschrieben, der noch unbeantwortet ist. Es handelt sich z. T. um "Jugendbewegungsrückstände". Erika wird am 3.VI. heiraten. Auf der Neidburg, wo ich Pate bin, sind die erwarteten Ehekrisen.
Aber nun muß dieser endlose Brief ja wohl einmal ein Ende nehmen. Ich muß einmal ausschlafen. Die aufgeschichtete
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| Post wird in Tagen nicht zu bewältigen sein. So ist immer Arbeit, aber nie Sammlung. Immer Kampf, aber nur Gegenwehr. Ich habe Litt gesagt: Sie sind zu sehr Intellektualität. Sie kennen kein Hingerissen sein. Das ist bei mir Gottlob noch nicht der Fall. Ich möchte einmal ganz glauben, ganz dienen, ganz mitbauen können. Aber Deutschland wirft alles hinaus, was nicht seine Modefarbe hat. Und es ist noch lange hin, bis das Fieber endet. Möge meine Kraft noch ein wenig aushalten.
Ich grüße Dich herzlichst - im Semester wird kaum noch solch ein Brief möglich sein.
Dein
Eduard.