Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 19. Februar 1933 (Berlin/Dahlem)


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<Stempel: Prof. Eduard Spranger
Berlin-Dahlem=Dorf
Fabeckstr. 13>
19.II.33.
Mein innig Geliebtes!
Eigentlich darf ich - trotz Sonntag Vormittag - heut keinen Brief schreiben. Aber ich habe 2 dringende Anlässe: 1) Dir für die lieben, erinnerungsreichen Bilder und Deine Zeilen zu danken 2) um umgehende Auskunft zu bitten, was etwa zum 25.II. Dir Freude machen könnte.
Es gehen hier wichtige, z. T. sehr aufregende Dinge vor, über die ich aber nicht schreiben kann, weil die meisten streng vertraulich behandelt werden müssen. Der Semesterschluß wird eine doppelte Nervenprobe. Am Freitag, nach 3 Stunden Vorles. u. Seminar, habe ich bei dem bekannten Großindustriellen Generaldirektor Dr. Vögler gefrühstückt. Wir haben uns sehr interessant unterhalten und sehr gut verständigt. Über Brüning und Hitler kam viel Interessantes zur Sprache.
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Irrig scheint mir, nach allem was ich sonst weiß, seine Meinung, daß Papen - Hugenberg - Seldte sich nach dem 5.III. im Kabinett werden halten können. Wir stehen ja mitten in einem nationalsozialistischen Staatsstreich.
Montag habe ich in langer Fahrt bei Storkow u. Fürstenwalde 6 Arbeitslager¹) [li. Rand] ¹) alle grippeverseucht besichtigt. Keines erfüllte die Idee, die man dieser Institution nachsagt. Daß das Reichsbannersanatorium in Wolfshagen, von dem ich Dir erzählte, wegen Gewalttätigkeiten seiner Mitglieder aufgelöst worden ist, hast Du vielleicht gelesen.
Gestern Abend war Flitner bei mir. Lange prinzipielle Unterhaltung über die "Erziehung". Auch bei ihm, wie bei Litt, die gleiche enttäuschte Haltung wegen der Realität der nationalsozialist. Bewegung. Es wird jetzt sehr schwer sein, die Zeitschrift zu steuern. Gestern wurden wir einig. Aber vielleicht muß F. doch die Redaktion niederlegen.
Erman schrieb mir gestern, er habe
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| Nachricht, daß Grete Paulsen im Spital in Basel am Schlaganfall gestorben sei. Was wird aus den 3 Kindern?
Merkwürdig, daß ich mit Becker gerade vor seinem Tode noch eine Generalaussprache hatte.
Von den vielen sonstigen beunruhigenden Vorgängen darf ich nichts sagen. Ich habe eine Woche mit unzähligen Prüfungen. Zum 25.II. erwarte also bitte nur einen kurzen Gruß.
In innigem Gedenken
Dein
Eduard.

[] Über den Weimarer Plan, der natürlich nur bestimmte Personen versorgen soll, haben wir in der Goethegesellsch. gesprochen.