Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. Februar 1933 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, 23.II.33.  ½ 11.
Mein innig Geliebtes!
Es ist mir sehr betrübend, zu Deinem Geburtstag eigentlich nichts anderes zu haben, als eine Bitte um Nachsicht. Ich schreibe diese Zeilen nach einem 14stündigen Tage, der nur durch eine knappe Stunde Ausruhen unterbrochen war. Wir hatten heut den großen Schlußprüfungstermin, und ich hatte natürlich noch allerlei sonst. So bin ich todmüde, aber noch immer nicht fertig für heute. Und morgen wollte ich etwas Hübsches als Gruß erjagen. Aber ich sehe schon, daß es morgen noch schlimmer ist als heute (wie es auch gestern schlimm war.)
Also kommt nun wirklich nichts als dieses spätabendliche Gedenken - das aber nur sichtbarer Ausdruck eines steten Gedenkens ist. Ich halte mich mit Dir an die Hoffnung gemeinsamer Frühlingstage auf der Reichenau
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| und dränge alle Befürchtungen zurück, daß mich die politische, kulturpolitische und hochschulpolitische Lage etwa nicht fortlassen könnte. Dort auf der Insel werden wir dann hoffentlich unsre tiefe, alte, ewige Gemeinsamkeit wieder einmal für kurze Tage leben können. Und so ist mein Glückwunsch aus dem Geiste der Reichenau: Festhalten am Gemeinsamen, ohne Flucht von der Welt, aber gegründet in dem uns Eigensten und Unverlierbaren. Möge Dein Festtag Dich in Gesundheit finden und Dir Freude bringen! Meine Gedanken sind am 25. selbst etwas freier (am Abend werde ich eine nationalsozialistische Versammlung besuchen.) Deine Liebe und Güte wird diese Nähe fühlen und freundlich entschuldigen, daß so manches fehlt, was freiere Menschen mit Leichtigkeit sich geben könnten. Ich aber bin Sklave des Dienstes, oft nur zu sehr eines niederen Dienstes.
Sei mir tausendmal gegrüßt in Liebe und Treue!
Dein
Eduard.