Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24. März 1933 (Berlin/Dahlem)


Dahlem, 24. März 1933.
Mein Geliebtes!
Ich habe bereits 2 Briefe zerrissen, in denen ich Dir klar zu machen versuchte, in welcher unendlichen Seelennot ich mich befinde. Aber das ist ja unmöglich, wenn Du es nicht selbst ahnst. Seit langem spüre ich, daß Du keine Ahnung hast. Du hättest Dir vielleicht sagen sollen, daß ich nicht so lange schweigen würde, wenn ich mich anders als in halben Büchern äußern könnte. Ich hatte gehofft, daß mir von Dir irgend ein verstehendes, vorwegnehmendes Wort entgegen käme, wie es doch hier jeder sagt, mit dem ich zusammentreffe. Aber das ist nun nicht.
Ich kann auch heut mich nicht in Einzelheiten verbreiten, die Seiten füllen würden und doch nur den überzeugen könnten, der selbst ein wenig zu sehen versteht. Nur darum möchte ich Dich bitten, daß
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| wir nicht in der Bahn zusammentreffen, wo all das Unausgesprochene zwischen uns liegen würde. Wann und wie ich am 30. auf die Reichenau komme, ist unsicher, wie ja zuletzt auch das "ob". Wenn ich Dich dort schon antreffe, so werden wir über alles natürlich eingehend reden. Dazu gehört auch die Frage, wo ich nun bleibe, wenn der Boden für eine sinnvolle Wirksamkeit hier fortgezogen ist. Ob das Monate dauert oder Jahre, ist ja gleich. Ich bin nicht jung genug, um den Rausch zu teilen, nicht gewissenlos genug, mich zu verschreiben. Lieb wäre es mir, wenn Du wenigstens zu verstehen lerntest, daß das Wahre, in dem wir uns bisher gemeinsam glaubten, die tiefste Gefährdung durchmacht, die sich denken läßt. Es ist sehr seltsam, daß wir genau 20 Jahre, nachdem wir zuerst auf der Reichenau einzogen, uns jetzt dort so wiederfinden sollen.
Herzlichen Gruß
Dein Eduard.