Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 12. April 1933 (Rhöndorf)


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Rhöndorf, 12. April 1933.
Mein innig Geliebtes!
Die Sitzung ist vorüber, und ich bin als einziger von der Gesellschaft im Hôtel zurückgeblieben.
Um 5 stand ich im Schlafwagen auf und stieg um ½ 6 in Bonn aus. Mit einer Elektrischen war ich um ¾ 7 am Ziel. Der erste, der aufstand, war Tillmann. Ich fand ihn in nie gesehener Hoffnungslosigkeit: "Die Situation ist entsetzlich; wir wissen garnicht, was wir machen sollen. Wir haben weder ein Recht, noch eine Macht." So allgemein: Panikstimmung, Unsicherheit. Inzwischen hatte sich die Situation durch das Beamtengesetz noch ungeheuer verschlimmert. Seine Auswirkungen im Inlande und Auslande sind noch garnicht zu übersehen. Alle unsre Beratungen schwebten in der Luft, da es keine Rechtsgrundlage mehr gibt.
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| Auf den Rücktritt des Gesamtvorstandes wurde vorläufig verzichtet. Weitere Beschlüsse sind geheim.
Auch ich bin so deprimiert, daß ich Mainz und Biebrich aufgegeben habe. Ich werde wohl morgen nach Köln fahren, und dann Freitag so früh wie möglich nach Berlin, wo mich dann all die unübersehbaren menschlichen Katastrophen erwarten. Hier mache ich noch den Bericht für Achelis. An der Landschaft habe ich kein Interesse, obwohl sie im vollen Blütenschmuck unendlich schön ist. Wir waren auch auf der Löwenburg. Auf den Drachenfels, der dicht neben dem Hause ansteigt, verzichte ich.
Deine beiden lieben Nachrichten habe ich erhalten. Du bist nun wohl schon unterwegs. Möge die Reise gut verlaufen! Vor allem wünsche ich, daß aus dem Dunkel dieser Tage, die ich mit zu den schwersten, je erlebten rechne, zum Schluß doch noch etwas Ertragbares emporsteige. Bitte grüße den Vorstand.
Herzlichst Dein
Eduard.

[li. Rand] Es heißt, daß alle Universitätsrektoren nun gewählt werden sollen. Das ist eine große unmittelbare Gefahrenzone für mich.