Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 10. Mai 1933 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, 10. Mai 33.
Mein innig Geliebtes!
Du hast keine Vorstellung, welche entsetzlichen, aufreibenden Tage ich jetzt durchlebe. Seit dem 2. Brief von Herrn v. P. [über der Zeile] 3.V. ist keine offizielle Nachricht mehr zu mir gedrungen; kein Freund, der mich besucht. Ich rechne mit pensionsloser Entlassung auf Grund des neuen Beamtengesetzes. Natürlich beschäftigen mich schon immer die Gedanken, wie und wo ich dann leben, wovon ich leben werde. Aber es läßt sich kein Plan fassen, weil ja alle bestimmten Unterlagen fehlen. Seit 16 Tagen habe ich nichts mehr gearbeitet. Ich vertrödele den Tag, z. T. in schlechtesten Nervenzuständen.
Die Universität Berlin ist am Sonnabend gestorben, und ihre Mitglieder haben es
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| nicht einmal gemerkt. Ich wäre vor Scham vergangen, hätte ich diese Rede des Ministers mit anhören müssen. Aber - man beginnt, sich gleichzuschalten. Absetzbarkeit, Versetzbarkeit der Professoren, keine "Emeritierung" mehr, Aufhören der Lehrbefugnis mit der Versetzung in den Ruhestand. Von den großen Vorlesungen findet kaum noch die Hälfte statt. In manchen Fächern ist alles beurlaubt (z. B. in neuerer deutscher Literatur 3 Ordinarien.) Wofür ich gelebt und gekämpft habe, ist nicht mehr da. Da heraus zu sein, ist garnicht so schwer, wenn es sich nur endlich entschiede.
In all diesen Tagen der Not und der Einsamkeit ist der einzige, der mir eine Stütze gibt, Susanne. Ihr klares Urteil, ihr festes Ja zu meiner Entscheidung halten mich aufrecht. Sie kommt trotz der Schule, die jetzt begonnen hat, täglich zu mir. Und sie behält die Nerven. Denn man braucht für diese Gesamt- u. Privatsituation sehr feste Nerven. Ich werde ihr diese Verbundenheit und diese Treue mein ganzes Leben zu
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| danken haben.
Im stillen denke ich an eine Existenz in 2 möblierten Zimmern. Das würde ich schon aushalten, ja ich würde vielleicht aufleben. Aber vorher muß doch der ganze große Betrieb abgebaut werden. Frau Rohde ist noch hier. Im günstigsten Falle läßt sich das Haus so vermieten, daß es nichts hinzu kostet. Wo bleibe ich mit den Büchern, falls ich sie doch noch einmal brauchen sollte? Und auch das macht mir Sorge, ob ich Dir zu Deiner Existenz künftig auch nur noch einen bescheidenen Anteil beisteuern kann.
Die Hoffnung eines Rückzuges auf die Akademie scheint auch illusorisch. Denn vor ihr wird die Zerstörungswut nicht haltmachen. Meine wiss. Arbeit hat ja auch buchhändlerisch kaum eine Zukunft. Denn wer wird künftig Bücher kaufen, die nicht gleichgeschaltet sind? Vielleicht ist es möglich, durch mehr technische Arbeiten für einen Verlag etwas zu verdienen. Wirtschaftlich stockt ja alles,
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| weil unzählige Existenzen vernichtet sind. Es ist aber kaum möglich, all diese traurigen Gedanken weiter aufzuschreiben. Du hast ja nun auch Bild genug. Niemand hat Kraft und Mut, diesem Terror Widerstand zu leisten.
Die Überweisung auf die Sparkasse hat natürlich nur Sinn, wenn es eben nicht auf meinen Namen geht. Den Schein habe ich mit Dank erhalten.
Es tut mir leid, daß Adele Henning krank ist. Hoffentlich kommt sie noch einmal durch. - Walter Hadlich und Günther haben mir freundlich geschrieben, der letztere rührend warm. Frl. S. und ich tragen unser Leid zusammen. Sie steht oft vor dem Letzten. Dora Thümmel habe ich mal kurz besucht. Sonst traue ich mich kaum auf die Straße; man ist ja Deutscher 2. Klasse.
Mit innigen Wünschen und herzlichem Dank
Dein
Eduard.