Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 30. Juni/1. Juli 1933 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 30.6.33.
Mein innig Geliebtes!
Du bist seit gut 10 Tagen fort, und wir dürfen wenigstens sagen, daß wir über die Punkte, die noch unklar waren, mittlerweile ins Reine gekommen sind.
Dazwischen liegt, im Grunde unvermeidlich eine Tortur, mein Geburtstag. Es sind wieder über 100 Glückwünsche und zahlreiche Blumen gekommen, aus gutem Herzen gewiß, von Menschen, die noch den Rest der Persönlichkeitswerte bergen möchten, aber ebendeswegen ein Heer darstellen, das die Korrespondenz belastet und die Seele nicht befreit.
Von Dir erhielt ich nachträglich noch die Originalausgabe der "Monologen." Du wirst Dich schwerlich erinnern, daß Du mir die 2. Ausgabe von 1810 mit dem Besitzernamen Martins schon 1910 zur
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| Erinnerung an Ilmenau geschenkt hast. Ich habe Verständnis für die Ewigkeitswerte dieser kleinen Schrift, die das 19. Jhrhdt einleitete. Ferner vom Wege der Gegenwart kann schwerlich etwas liegen als dies.
Die Motorbootfahrt war etwas stürmisch und naß, hätte aber schön sein können. Es nahm auch die Gattin des ehemaligen Freienwalder Landrats Mengel daran teil. Auf der Rückfahrt hatten wir Motorschaden. So kamen wir erst um ½ 10 in das Haus Glasenapp, ich um ½ 1 nach Hause und um ½ 2 ins Bett. - Exc. Seitz selbst schrieb vom Kohlhof, wo er vielleicht jetzt noch ist.
Dora Thümmel, die am Sonntag hier war, ist in schwerer Sorge um ihre Schwester. Hohes Fieber. Die Ursache war bis gestern, wo sie ins Krankenhaus gebracht wurde, noch nicht bekannt.
Ich habe soeben zum 2. Mal Seminar gehalten. Und es ging, obwohl
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| 8 von 10 alte Freunde sind, wie das erste Mal: ich bin gehemmt, innerlich zerteilt, und kann infolgedessen weder das Objekt noch meine Stellung dazu gestalten und entfalten. Sehr lehrreich: ein tiefer innerer Bruch läßt sich nicht verbergen.
In meiner Unterredung mit Rüdesheimer Platz stellte sich heraus, daß er meinetwegen Verbindungen mit angeknüpft hat, die nicht aussichtslos gewesen sein sollen. Aber eben noch lange nicht greifbar. Und wie wird es in 1 Jahr sein?
Prüfen wir die Gesamtlage. Es ist nicht so, daß Ideale und Wahrheiten, die man im Herzen trägt, einfach herausgerissen werden können. Es ist auch nicht so, daß kein Punkt da wäre, an dem man mitbauen möchte. Wohl aber ist es so, daß man es nicht darf, und daß alles in Formen gegossen wird, in denen man es nicht kann. Denn man ist nun
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| auch einmal ein Mensch, der eine bestimmte Prägung von der Welt und aus sich erfahren hat. Die jungen Menschen müssen anders sein. Die Stelle des fruchtbaren Begegnens ist nicht gefunden und wird sich, solange wir leben, nicht finden. Der Raum, in dem eine Auseinandersetzung, ein Kämpfen stattfinden könnte, wie es für die 48er der Fall war, ist nicht da. Denn wenn die Kirche von Kommissaren regiert wird - was ist dann für Hochschulwelt und literarische Formen des Wirkens zu erhoffen? Mit einem Wort: Hic Rußland, hic salta. So hat es der Weltgeist bestimmt. Es ist sinnlos, mit ihm zu rechten; aber es wäre ehrlos, ihm recht zu geben.
Bitte spanne einmal Deinen ganzen Wirklichkeitssinn an und begreife die Situation. Es ist nichts mehr da von der Welt, in der wir lebten.
Solange man aber existiert und
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| nicht den Mut oder nicht den absolut akuten Anlaß zum Selbstmord hat, muß man als nachdenkender Mensch sich die Frage vorlegen: "Wie kann ich künftig noch existieren?" Wenn überhaupt - manche schweigende Freunde negieren dies implicite und nur Hedwig Koch hat es implicite ausgesprochen -, dann nur mit einer Schwerpunktverlagerung, an die man früher nie gedacht hat.
Es ist symbolisch: als ich den Schritt tat, der zum Eintritt in den Stahlhelm führen sollte, da kam am nächsten Tage die Nachricht, daß es mit seiner selbständigen Existenz vorbei sei. Jeder Boden, auf den ich treten will, wird eben fortgezogen. Das empfinde ich keineswegs so, daß etwa der Gang der Welt sich nach meinem Ich und meinen Vorstellungen richten sollte. Ich empfinde es im Gegenteil so, daß deshalb, weil mir über mein Ich hinaus zu wollen und zu wirken nicht mehr erlaubt wird, de facto nichts mehr übrig bleiben kann als dies
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| bescheidene, obwohl immer genug egoistische Ich. Mein Egoismus bisher war großenteils begründet im Willen zum Werk und zum Dienst, neben dem ich nichts kennen durfte als die Mittel, die dafür Kraft gaben. Der erste Schritt weiter, schwer genug, bestand darin, daß ich mich für unbestimmte Zeit bewußt "aus"schaltete und mir rein gelehrte Arbeiten vornahm, [über der Zeile] ebenfalls schon ungewiß genug, für wen diese Lektüre eigentlich bestimmt wäre. Allmählich arbeitet sich in mir immer entschiedener die 3. Stufe hindurch: ich habe auf Gestaltung eines menschlich-privaten Daseins verzichten müssen, weil ich für die Jugend des damaligen Staates und Volkes alle Kraft aufwandte. Das ist vorbei. Ich stehe in einsamen Räumen und kann nicht einmal die 10 Leute, die alle Woche kommen, von der Kraft meines Innern aus ergreifen.
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Die 30 gemeinsamen Jahre, die wir bald vollenden, waren Glück und Kampf. Sie waren das eine, gerade weil sie auch das andere waren. Ihr Fundament ist ewig. Das Tragische ist, daß wir im Zeitlichen nicht mehr weiterkönnen. Unsere Seelen, wenn sie still sein dürfen, wenn sie näher bei Gott als bei der Welt sein können, mehr im Letzten als im Heutigen, werden immer zusammenklingen. Das neue, diesseitige Leben meistern wir nicht mehr. Es ist eine zweite Frage, ob das unsre Schuld ist oder die der gerade jetzt vorhandenen Realität.
Ich habe am 25. April noch einmal den Vorstoß gemacht, irgend etwas von der Linie Humboldt - Hippel - Hadlich - Martins - Spranger mit ihren besten Gehalten zu retten. Das Resultat lautet: Tillmannkreis! Dibelius, Hugenberg - sie alle sind zerfallen. Was bleibt für
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| die schleichenden Stunden des Tages, wenn man zufällig 20 weitere Jahren leben sollte, d. h. zufällig nicht erschossen werden und verhungern sollte??
Mir graut vor dem Gedanken, daß ich am 1. August mit der neuen Haushüterin Bon anfangen soll, daß - statt Strasens - weil sie Doppelverdiener (allerdings braune!) sind, da andere Leute sitzen sollen, daß ich, weil ich das Haus nicht halten kann, hier oder dorthin ins Unbekannte ziehen soll, daß ich auch künftig mit meinen Assistenten und nächsten Schülern nie ein politisches Gespräch führen soll, kurz daß ich in allem künftig eine Marionette aus einer vergangenen Zeit sein soll, ähnlich dem Obersthofmeister (oder wie?) in Gustav Freytags "Verlorener Handschrift". Ich fasse mich jetzt schon manchmal an den Kopf, ob da nicht eine Perücke, statt der Haare sitzt. Ich kann mein ewiges Leben
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| noch führen, aber nicht mein irdisches. Denn ginge ich selbst in ein Kloster, so wäre es ja schon gleichgeschaltet.
Aber nun rede ich immer von mir, gerade als ob ich nicht dies alles in Deine Seele hinein genau so empfände. Auch Dir ist, ob Du es weißt oder nicht, der Boden absolut weggezogen. Du lebst noch in Dir, aber nicht mehr mit der Welt und mit den Menschen. Du hast den idealistischen Schritt getan, Dich der Partei anzuschließen, und hast es nicht durchgehalten. Das hat Dich auch innerlich auseinandersprengen müssen. Du hast nun weder die Idee, noch die Realität. Du bist heimatlos, wie wir alle, heimatlos mitten in Deutschland, bis zu der gefährlichsten Konsequenz des Wortes. Alles ging wohl noch, bis der "Kommissar" in die Kirche kam. Wir sind beide nicht kirchlich. Aber die Symbolik dieser Aktion verstehen wir beide. Keine
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| Heimat und kein Gotteshaus. Da ist ein Volk in Not und man hilft ihm, indem man ihm die Seele nimmt. Ist je ein teuflischeres Spiel erfunden worden? Man kann mit einer Lunge atmen und mit einer Niere, wie Dora Thümmel, tapfer leben. Ohne Gewissen, das nicht halbierbar ist, kann man nicht leben. Oder, wenn man es tut, so wird dieses Leben einen täglich und allmählich töten. Um mich herum sind lauter Halbtote. Du bist nicht ausgenommen. Ich habe mich gefragt, ob ich Deinen Schwager bitten sollte, mir über Wege zu Deiner Kräftigung und Belebung zu raten. Aber der Arzt dieser Art weiß ja von Seele und Geist nichts. Ich habe es nicht getan. Und doch: Deine Passivität versetzte mich in Schrecken. Ich fand die Festung restlos übergeben, noch ehe ich sie übergeben mußte,
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| und so sind wir beide tiefer unten, als es schon in Oberstdorf der Fall war. Wir sind Geschöpfe unsrer Zeit und ihres Geistes. Wir beide werden mit dem neuen Zeitgeist nicht mehr leben können, denn er ist ein Ellbogengeist. Wir aber glaubten an die Seele.
Ich gehe mit schwerwiegenden Entscheidungen um. Soll ich weiterleben, so muß ich mir vom Leben aus die Vorbedingungen dafür schaffen. Im Ewigen und rein Seelischen kann uns nichts trennen und keine Zeit zerstückeln. Das Lebenmüssen aber fordert Anbau von Lebensmöglichkeiten. Ich muß mich kontrahieren. Ein altes, nie bezwungenes Problem lebt, - wohl zu spät - wieder auf.
Im Zeitlosen der Seele Dir verbunden
In allem anderen entwurzelt
Dein Eduard.

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1. Juli 33.
Ich habe gestern bis in die späte Nacht geschrieben, ganz wie es mir ums Herz war, und ganz in der tiefen Ratlosigkeit, die auch am Morgen nicht weicht. Jeder kleinste Fall bringt es ja wieder zum Bewußtsein. So z. B. ein Gesuch von der Notgemeinschaft: eine früher linksradikale Dozentin befürwortet einen Antrag, der eine pure nationalsozialistische Dogmenarbeit zum Inhalt hat. Lehne ich ab, bin ich gefangen; stimme ich zu, versündige ich mich an der Sache der Wissenschaft; trete ich da aus, so bekunde ich aufs neue, daß ich nicht mehr mitmachen will.  - ?! -
Siegmund-Schultzes Lebenswerk ist nun auch zerstört. Man hat bei ihm Haussuchung gehalten. Er selbst ist erheblich erkrankt und hat das Semester abgebrochen.
Brosius wird wohl demnächst
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| in den nationalsozialistischen Lehrerbund eintreten.
Morgen kommt Bernhard Schwarz aus Leipzig. Litt hat eine schwere Angina gehabt; wir planen, uns am 23.7. wieder zu treffen. Du hast versäumt, Dich von Frl. Silber zu verabschieden. Ich bitte Dich, dies gelegentlich brieflich nachzuholen.