Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 6. Juli 1933 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 6. Juli 1933
nach 22 Uhr.
Mein innig Geliebtes!
Eben ist Dora Thümmel fortgegangen. Sie kam vom Krankenhaus, wo sie jetzt täglich hingeht. Ihre Schwester hat den richtigen Typhus; es soll kein leichter Fall sein. Mir ist auch dabei sehr düster zu Mute.
So ist jetzt alles in Dunkel gehüllt. Gewiß keine Zeit, um sich auch gegenseitig das Herz noch künstlich schwer zu machen. Aber Du weißt auch, daß es mir nicht möglich ist, Wirklichkeiten, die ich sehe, so zu behandeln, als ob ich sie nicht sähe. Damit will ich nicht sagen, daß ich in den letzten Monaten die Wirklichkeiten so gesehen hätte, wie sie waren. Sie waren samt und sonders noch viel schlimmer.
In politicis haben wir uns auch früher oft nicht verständigen können. Du
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| führst Deine Depression hier auf meine Äußerungen bei Deiner Ankunft zurück. Aber ich mußte doch sagen, wie es war. Und Du hast wohl auch gefühlt, wie ich darunter gelitten habe. Dieser "Dualismus" ist etwas, das sich in vielen Jahren herausbilden mußte. Ich habe ihn nicht verborgen. Eine Lösung gab es da nicht und gibt es da nicht. Das Tragische daran müssen alle Beteiligten tragen und ehren, Du, Susanne und ich auch.
Es wäre mir lieb gewesen, Dich vor diesen rauhen Kämpfen bewahren zu können und den schönen Frieden unsrer Reichenauaufenthalte wie der anderen unvergeßbaren Ferienzeiten für uns zu bewahren. Daß diese Zeit das nicht gestattet, daß sie das Schwert bringt statt des Friedens, das ist nun mal ihre Signatur. Wer da hineingerät, muß mitkämpfen, auch wenn er garkeine Kampfnatur ist. So ist es ja mit mir auch gegangen.
Es überrascht mich nun, wenn Du von
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| Punkten der Entwicklung redest, "wo Deine Natur anders entschieden hätte." Leider hast Du darüber nichts für mich Hörbares verlauten lassen. Du fährst dann gleich in einer Linie, die ich nicht ganz freundschaftlich finde, fort, Deine ungünstige äußere Situation zu berühren. Den Wortlaut hast Du hoffentlich nicht mehr in Erinnerung; denn er ist feindselig. Glaubst Du, daß ich bei meiner bitteren Entscheidung, deren Doppelseitigkeit niemand besser fühlte als ich, nicht auch daran gedacht habe, daß ich gern in bescheidenem Maße in der Lage sein möchte, unmittelbare Sorgen von Dir fernzuhalten? Deine kinderreichen Verwandten können das nicht. Ich werde es vielleicht in diesem Jahre auch nur sehr knapp können. Wenn dann nicht alles aufhört (was ja möglich ist), so werde ich es künftig hoffentlich in dem Umfang können, daß Deine Verwandten nur einen wenig spürbaren Zuschuß aufzubringen hätten. - Wie das alles werden sollte, wenn ich völlig "draußen" blieb, hat niemand
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| von den stolzen Beratern mir sagen können. Der erste Schritt war aus einer Zeit heraus gedacht, die nicht mehr besteht. In der heutigen heißt es: sterben oder sich den neuen Boden erkämpfen, von dem aus noch einmal Wertvolles gewirkt werden könnte.
Ich wiederhole: es wäre mir lieber gewesen, wenn ich Dich vor all diesen feindlichen Realitäten hätte behüten können. Ich will versuchen, sie Dir in Zukunft nach Möglichkeit fernzuhalten. Denn zum Kämpfen gehören physische Kräfte. Dies "nach Möglichkeit" läßt sich in seiner Tragweite heut noch nicht übersehen. Es ist, trotz aller Vorsicht meinerseits, natürlich immer noch Sturm. Aber da man darüber weder schreiben kann noch darf, so wird es gut sein, es wenigstens "nach Möglichkeit" auszuschalten und nur von der gemeinsamen geistigen Welt und der Sphäre des Glaubens zu reden - auch dies mit Vorsicht, damit
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| wir nicht vor dem Altar verhaftet werden. Wir wollen es wenigstens versuchen. Denn ich vertrage keine Differenzen mit den Nächsten, wo ringsum nichts als Differenz ist.
Frau Witting, an die ich seit Ostern zum ersten Mal vor 8 Tagen geschrieben habe, (!) hat mir einen sehr warmen Antwortbrief geschickt. Bemerkenswert fein und verständnisvoll hat sich auch Frau Arnthal geäußert. Die mehr als 100 Glückwünsche sind kaum zu 1/5 beantwortet. Ich habe seit meiner Reaktivierung schon fast 2000 Folioseiten Ms. dienstlich lesen müssen. Überhaupt hat sich aller kleine Dreck bemerkenswert schnell wieder eingefunden. Ich habe - das ist Gottlob von anderer Art - für Mitte September Vorträge für Riga zugesagt und werde einer Einladung zu 4-6 Vorträgen in der Schweiz (wohl im März) folgen, hingegen in Stuttgart absagen.*) [re. Rand] *) Außerdem kam heute eine Einladung zu Vorträgen an die Universität Barcelona; vor einigen Tagen Einl. für Kapstadt, Johannisburg, Aufforderung für poln. Zeitschrift. Ich gehe morgen <Kopf> dieserhalb ins Auswärtige Amt. Mein Akademievortrag wurde von vielen Seiten zum
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| Druck begehrt. Ich werde mich schön hüten. Auch der Reichsminister a.D. Curtius interessierte sich dafür. Er ist aber inzwischen erkrankt. Ebenso Siegmund-Schultze, der Haussuchung und Zerstörung gesundheitlich nicht überdauert hat und jetzt - in der Schweiz ist. Ich kann wenigstens sagen: ich habe es zur rechten Zeit versucht; nun - 99.
Bernhard Schwarz war Sonntag hier. Ich habe ihm mit Erfolg ein paar grelle Lichter aufgesteckt. Er begriff vollständig. Den ebenfalls angesagten Besuch von Tietjen hoffe ich absagen zu können. Denn ich führe keine politischen Gespräche.
Auch dies Gespräch will ich nun abbrechen. Frl. Silber schien ein wenig gekränkt. Sie wird bald 14 Tage Ferien machen. Ich - wende mich zu Goethe. Übrigens habe ich mich heut nach langem Überlegen zum Stahlhelm angemeldet.
Herzliche Grüße u. Wünsche
Dein
Eduard.

[li. Rand] Nach London habe ich kein Bild geschickt. Dies ist das letzte Exemplar.