Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 16. Juli 1933 (Berlin/Dahlem)


Dahlem, den 16. Juli 33.
Paulsens 86. Geburtstag.
Mein innig Geliebtes!
Für morgen habe ich etwas ganz Gewagtes vor, zu dem ich mich schwerlich entschlossen hätte, wenn ich nicht doch einmal eine Ruhepause brauchte: ich will um 8.40. mit Susanne nach Stettin fahren, von dort um 11 mit dem Schiff via Swinemünde nach Binz. S.s Schwestern sind beide schon dort. Am Mittwoch um 3 fahre ich allein zurück und bin gegen 9 wieder hier. Finanziell ist das eigentlich nicht zu rechtfertigen. Aber da es III. Kl. gemacht wird, komme ich vielleicht mit ca 80 M durch.
Du machst Dir um das Schicksal meiner Briefe Sorgen, die ich eigentlich nicht ganz verstehe. Ich hatte mir so gedacht, daß derjenige, der überlebt, seine Briefe an den andern zu sich
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| nimmt und letztwillig darüber verfügt, was mit beiden Briefbeständen geschehen soll. Ein Interesse der Nachwelt ist nicht zu befürchten. Denn Individualität gilt heut nichts, und außerdem werden wir beide schon vor unsrem Ableben total veraltet sein. Sollte aber einem von uns ein höheres Alter beschieden sein, so würde er vielleicht in späten Jahren gern einmal Erinnerungen feiern. Es kommt mir etwas merkwürdig vor, daß Du zu diesem Zweck auf die Universitätsbibliothek gehn müßtest. Dieser persönliche Anspruch geht doch jedem anderen voran. Was die Sicherung betrifft, so ist die U.B. gegen Fliegerbomben nicht besser gesichert als die Rohrbacherstr. Man kann auch zu vorsichtig sein wollen, und dabei fällt man meistens herein. Da die ganze Frage für Dich aber zu einer Beunruhigung geworden ist, bleibt mir wohl nichts übrig als zu sagen: gibt die Briefe ruhig in die "amtliche
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| Verwahrung". Sollte ich länger zu leben genötigt sein als Du, so muß ich mir die unbeschränkte Verfügung darüber vorbehalten. Was nach meinem Tode damit geschehen soll, darüber hast Du allein zu verfügen.
Die ganze Erörterung ist ein Beispiel dafür, daß diese Zeit geeignet ist, natürliche Empfindungen zu beirren. Ich muß schon dabei bleiben, daß es nicht freundschaftlich ist, zweimal zu schreiben, es möge sich ein "anständiges Ende" finden, wenn das Geld zu Ende ist. Ich habe gesagt, daß ich bemüht sein werde, zu tun, was unter uns selbstverständlich ist. Glückt mir das nicht mehr, so wäre es von mir höflich und entsprechend, auch vom "anständigen Ende" zu reden. Es liegt mir jedoch mehr, davon zu sprechen, daß man sich, solange man lebt, nach Kräften gegenseitig am Leben halten soll.
Vorläufig ist Gottlob moralische
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| Unterstützung dringender nötig. Diese brauche ich von Dir noch sehr. Und es ist nicht recht, bockig zu werden, wenn ich in alter Ehrlichkeit erkläre: hierfür muß der Boden erst gewonnen werden. Ich lasse mir auch nicht von jedem Pastor beliebigen Trost gefallen. Kampfzeiten müssen durchgekämpft werden, und wer gerade noch ein bißchen oben ist, soll dem, der unten ist, behilflich sein. Wenn ich anfange, von Dir garnichts mehr zu fordern, dann ist es aus. Ich muß Dich also weiter bemühen, um einen solchen Standort zu kämpfen. Erste Vorbedingung dafür ist gemeinsame ehrliche und realistische Erkenntnis und Anerkennung dessen, was ist. So leicht, wie es bei der Lampert geht, geht es eben zwischen uns nicht. Ein paar Jungen, die man zu Hitlerführern gemacht hat, trösten noch nicht über die Zerstörung des Bismarckbundes. Fremde Urteile dürfen nicht zwischen uns treten. "Hier stehst Du, hier urteile." Das ist
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| gewiß nicht leicht. Ich muß mir jeden Tag mühselig erkämpfen. Es ist nicht, noch nicht meine Absicht, Dich davon zu dispensieren, mitzukämpfen.
In Einzelheiten wäre ja nun viel zu sagen über das, was inzwischen publice geschehen ist. Viel Morgenrot sehe ich noch nicht. Der Hitlersche SOS Ruf gegen die 2. Revolution zeigt nur, daß ihm angst wird, noch nicht, daß ihm klar wird, wo das System - sagen wir gelinde: unvollständig ist. Leider kann man brieflich darüber nicht in Konnex bleiben. Die NZZ vom 14.VII. war sehr lehrreich.
Ich habe so viel zu tun, daß es kaum zu schaffen ist. Das kleine, mäßig verlaufende Seminar über Platos späte Dialoge ist nicht zu bewältigen, auch wenn ich mich auf jede Stunde 10 Stunden vorbereite. Die kleinen Pflichten (Notgemeinschaft, Dissertionen, selbst Sprechstunde) kosten enorm viel Zeit. Bisher habe ich nur den Goethe-Vortrag vom 28.6.32 niedergeschrieben, auch ihn noch nicht in letzter Feilung.
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| Die Post ist ungeheuer. Von 120 Geburtstagsbriefen sind höchstens 70 beantwortet. Frl. Silber ist heut auf 14 Tage verreist. Das muß ich also auch allein machen. Am 26.6. habe ich mir eine üble Zahnwurzel ziehen lassen. Seitdem sind wieder Schmerzen aufgetreten, die sich bei den täglichen sehr schweren Gewittern nur verstärken. Einen Abend war ich bei Richters. Sonst keinerlei Geselligkeit, außer Kaffeebesuchen. Nächsten Sonntag hoffentlich Begegnung mit Litt. Sonnabend kommt Bäuerle, der verdiente Stuttgarter Volksschuldirektor.
Die arme Dora Thümmel muß trotz eigner Schwäche unendlich viel leisten. Ich bin noch nicht sicher, daß die Schwester durchkommt. Manchen Menschen wird über das Mögliche aufgeladen.
Imhülsens sind in Kappel ganz zufrieden. Aber ich muß jetzt abbrechen, weil ich morgen um 6 aufstehen muß und heut furchtbar marode bin. Möge es Dir in jedem Sinne gut gehen. Viel <re. Rand> herzliche Grüße Dein Eduard.