Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 28./29. Juli 1933 (Berlin)


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28.7.33.
Mein innig Geliebtes!
Soeben habe ich mein Seminar entlassen. Damit hat auch dieses trübe Semester sein Ende gefunden. Vermutlich wird man sich danach noch einmal zurücksehnen. Unsre Leistungen waren nicht erheblich. Und das 14tägige Zusammensein hinterher - heut vor 8 Tagen in Paulsborn - hat mir jedenfalls keine Herzstärkung bedeutet, wie ich nun einmal konstruiert bin.
Hingegen waren die 1 ½ Tage in Rügen selbst sehr belebend. Ich habe mit den 3 kleinen netten Mädchen gescherzt und gespielt, als ob sonst nichts wäre. Sie waren höchst entzückt; ich aber habe 3 Tage Muskelschmerzen zur Erinnerung behalten.
Sonntag habe ich mich mit Litt in Wittenberg getroffen. Er ist jetzt ganz da, wo ich längst bin. Man sucht ihn nach Kräften auszuschalten. Er wehrt
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| sich mannhaft, aber erfolglos. Am gleichen Tage war hier das Wahltheater. Was los ist, erfährt man ausschließlich noch in Auslandszeitungen. Die inländischen lese ich nur noch flüchtig. Man ist doch schließlich kein Idiot. Sonst müßte man ja glauben, was z. B. eben zu lesen ist: In 8 Jahren 5 Universitäten für alte S.A. Leute = jährlich 5000 Führer 1. Ranges; NS. damit nicht nur für lange, sondern "für ewig" gesichert.
Die Pädagogische Fachschaft an der Un. ist gegründet worden. Ich habe dazu nicht einmal eine Einladung erhalten. Ebenso natürlich die Philosophische Fachschaft. (!)
Der Brief von Walz war sehr vernünftig und hat mir sehr wohl getan. Ich habe das zunächst für eine Bestellung von Dir gehalten. Also war es doch spontan. In ähnlichem Austausch stehe ich mit dem Pflug (ehemals da, wo wir den Antichrist sahen.) Kollegen absolut u. durchgängig unbrauchbar. Einen langen Abend war ich
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| bei Richters. Auch die im Zikadenwald habe ich besucht; traf sie nicht. Johanna war dann bei mir; viel Pläne, aber noch nichts Bestimmtes. Auch bei Eulenburgs war ich.
Marg. Thümmel geht es besser. Dora ist dafür sehr herunter, wie sich denken läßt. Da sie den ganzen Tag außer dem Krankenhausbesuch liegt, konnte ich sie noch nicht sehen, seit ich von Rügen zurück bin.
Im Hause: Frl. Silber seit 12 Tagen auf Urlaub, Frau Strasen seit 3 Tagen krank, heut besser, dafür Renate Halsentzündung. Frau Bon wird am Dienstag kommen. Klara Rauhut u. ich, allein funktionsfähig, erstere ausgezeichnet. Frau Rohde, gekränkt, durchgereist, ohne mich zu besuchen.
Morgen Abend erst kommt Bäuerle; vorher bei Liebert, der auch nach Belgrad geht. Montag Nachm. kommt (nach erstem Verfehlen) Prof. Borchardt, abends Baron v. Uexküll, der von mir besonders verehrte Biologe.
Dem Stahlhelm bin ich beigetreten, ohne
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| bisher davon etwas zu merken. Nur vorgestern sprach mich ein wankender Turm in Uniform auf der Dorfaue an - es war Dein ehemaliger Lehrer Dettmann. Der ist also auch Stahlhelmer; aber zu wirken ist da nichts mehr. - Überhaupt: Totalbild sehr ungünstig, trotz einiger Zeichen von Mäßigung hier oder dort. Absolutes einförmiges Grau. Ich bin glücklich, bei Plato (7. Brief) Gleiches zu finden und habe mich gern in ihn vertieft. Jetzt hoffe ich noch auf 3 Monate in inaktivster "Ausschaltung". Hinterher kommt "die große Unmöglichkeit."
Literarische Aufträge habe ich für Inland und Ausland so viele übernommen, daß es ein bißchen bedenklich ist. Aber ich hoffe damit so viel zu verdienen, daß ich den freiwilligen Zwangsbeiträgen genügen kann.
Nun wird man, um die ganz große Kanone zu haben, auch Heidegger hierherrufen. Er soll aber natürlich nicht die grobe Arbeit tun. Die ist nur für Maier u. mich.
Heut war wohl der heißeste Tag. Ich hoffe, daß Du alle Türen und Fenster aufhast, damit Du ja zu Deinem Hexenschuß <re. Rand> kommst. - Daß dieser Brief das Eigentliche nicht enthält, wird Dir ja klar sein. Ich füge aber wenigstens "aufrichtige“ herzlichste Grüße hinzu <Kopf>
Dein Eduard.

[] Sage dem Vorstand, er möchte sich auf sein Sachgebiet zurückziehen.

<li. Rand> 29.VII. Mathilde Mayer hat Hermine Kleiser besucht. Hans Günther war hier u. läßt Dich grüßen. Er geht mit s. Frau nach Altenau bei Goslar.