Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 7./8. August 1933 (Berlin/Dahlem)


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<Stempel: Prof. Eduard Spranger
Berlin-Dahlem=Dorf
Fabeckstr. 13>
7. August 33
nach 22.
Mein innig Geliebtes!
Ich wollte Dir heute mitteilen, daß Dora Thümmel in das gleiche Krankenhaus überführt worden ist, in dem ihre Schwester (mit einem starken Fieberrückfall) liegt. Seit 2 ½ Stunden weiß ich, daß sie in der letzten Nacht sanft entschlafen ist. -
Dora wurde immer schwächer und schwächer. Ich konnte sie nicht mehr besuchen, weil sie außerhalb der Besuche im Krankenhaus fast immer liegen mußte, mit Blasenschmerzen und Schlafsucht. Dann kam die Schwägerin ihres Bruders aus München. Gestern wollte ich sie in der Menzelstr. besuchen. Auf meine Anmeldung kam ein Brief von Feodora
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| Fehmer
, geb. v. Tresckow (ihrer Freundin und unsrer gemeinsamen Kollegin von der Böhmschen Schule), daß sie im Martin-Luther-Krankenhaus liege. Ich fuhr gestern vorm. nach Lichterfelde zu Fehmers. Dort erfuhr ich, daß es sich um einen Fortschritt ihres schweren Leidens (2. Niere) und um Herzschwäche und um Harnvergiftung des Blutes zu handeln schiene.
Um ½ 5 fand ich sie im Krankenhaus bei vollem Bewußtsein, mit lebhaftem Auge, keineswegs abgemagert. Ich durfte nicht länger als 10 Minuten bleiben. Wir sprachen warm und gut miteinander. Ihre letzte Klage war, daß Trude Böhm sie bei 9tägiger Anwesenheit in Berlin nicht besucht habe. Ich versprach ihr, am Mittwoch wieder zu kommen (da Montag schon 2 Besuche angesagt und ich morgen 4-6 Ausländervortrag habe.) Das war nun das letzte Sehen. -
Die arme Margarete! Ich wünsche
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| ihr nicht, das zu überleben. Und es steht auch bei ihr sehr ernst. -
Dora war die reinste, tapferste, größte weibliche Natur, die ich gekannt habe. Es ist garnicht auszusagen, was mit ihr hingegangen ist. Davon redet (gottlob) keine Geschichte. Aber in das Herz ist es mir eingeschrieben, solange ich selbst lebe. Außer Margarete weiß niemand, was sie gelitten hat und wie sie immer größer war als ihr Geschick. Auch zu ihrem Ende hat das neue Deutschland, daß sie aus glühender Vaterlandsliebe nicht bejahen konnte, beigetragen.
Noch habe ich nicht begriffen, was geschehen ist.
Gott nimmt und schenkt, wie es Ihm recht scheint. Das letzte, was ich Dora erzählte (damit sie nicht sprechen sollte), war, daß jetzt ein lieber kleiner Stern in meinem Hause aufgegangen ist: Maria Bon. Und es ist mir jetzt
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| fast, als wäre das ihr Vermächtnis. Vor 24 Jahren begegneten wir uns im Lande der Mädchenerziehung. Seit 22 Jahren habe ich kaum ein Kind gesehen. Nun ist dieser kleine Schmetterling da, gewiß mit allen Fehlern und Gefahren des Kindes, zumal aus phantastischer Ehe. Aber da ist ein leuchtendes, fröhliches Auge, wie man es selbst bei Kindern heut selten sieht. Maria und Susanne warteten vor dem Krankenhaus, als ich drin war. Wir gingen gemeinsam heim. - Das ist nun, wie das letzte Geschenk von Ihr, wo im Hause schon alles voll von Ihren Händen ist - bis zum Gartenschirm, den sie am 25.6. mitbrachte.
Es ist etwas Heiliges um jedes Sterben. Wer das fühlt, muß besser werden im Abschied. Aber die arme Margarete, die gewiß noch nichts weiß!
Und ich muß morgen gerade zum 1. Mal seit dem 5. März öffentlich reden!
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Heut morgen kam Dein lieber Brief. Du begreifst, daß ich heut (so spät) nicht mehr auf Einzelnes eingehen kann. Ich habe vor 5 Tagen wieder eine Herzattacke gehabt. Beim Zählen früh ergeben sich knapp 50 Puls. Das Sympatol ist nicht mehr von gleicher Wirkung wie das erste Mal.
Für Frl. Silber habe ich Aussichten in der Türkei und in Belgrad herbeigeführt. Ihr Verhalten gegenüber diesen Möglichkeiten enttäuscht mich.
Ich sehe, Gott sei es geklagt, ringsum nichts als Trauriges, d. h. Scheinwesen, Zwang und Lüge. Ich kann in dieser Welt nicht atmen. Auch finde ich niemanden, der es könnte. Heute beim Besuch bei der Arnthal fühlte ich wieder, daß da doch eine unendliche Differenz des Empfinden ist. Sie reist morgen nach Heidelberg und von da nach Unter-Uhldingen, am Waldweg nach Meersburg.
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Ich fürchte mich vor dieser Nacht. Es ist schwül, wie stets, und ein Gewitter war nur fern zu spüren. Es ist so unsagbar schwer zu wirken, denn um mich wird es einsamer und einsamer. Frau Seitz. Nun Dora. Und unter den Männern ist kaum einer, der meine Seelenwelt von ferne ahnte. Seit Rügen habe ich unendlich viel geschrieben. Für wen? Das meiste war - für das Ausland.
Ich gedenke Dein und in Deiner Nähe gewiß.
Innigst
Dein
Eduard.

8.VIII. Die Nacht war sehr schwer. Ich bin heut ganz benommen. In der Nacht ist mir erst ganz nahe gekommen, was ich verloren habe. Ich habe es mit physischen Herzschmerzen gefühlt.
Wegen Deiner Kondolation: der Bruder, Studienrat Thümmel (aus München) muß ja wohl kommen. Menzelstr. 21G. Friedenau.
Nochmals grüßend Dein Eduard.