Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 13. August 1933 (Berlin)


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13. Aug. 33.
Mein innig Geliebtes!
Sonntag Morgen. Die Glocken läuten. Die Sonne hat schon einen herbstlichen Schein. Mein Geliebtes, ich kann nicht aufhören, um Dora zu weinen. Es ist in meinem Herzen etwas zerbrochen. Eine schreckliche Angst quält mich. Die Welt ist mir fremd. Es ist alles so einsam.
Noch heut vor 8 Tagen habe ich sie gesehen und gesprochen. Nun ruht sie unter der Erde. Ihr Herz hat Ruhe. Meines will mir springen.
Die Trauerfeier wirkte auf mich kalt. Ein ferner, fremder Friedhof. Ein Reihengrab geöffnet für die, die der Zufall nach einander an einem Nachmittag bettet. Die alten Freundinnen fehlten z. T. Es ist ja schon fast 25 Jahre her. Willy Böhm mir in dieser Stunde fast unerträglich. Helene u. Grete Tuchel seit 20
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| Jahren zum 1. Mal wiedergesehen. – Ich hatte furchtbare Zahnschmerzen und mußte mir sofort nach der Bestattung einen Vorderzahn von einem fremden Zahnarzt ziehen lassen.
Am Abend kamen der Bruder, seine Schwägerin und ein Neffe aus Bonn, junger Reichswehrsleutnant zu mir. Es war viel die Rede davon, wie und wann man das Furchtbare der armen Margarete beibringen solle.
Dora ist in der Nacht nach meinem Besuch um ½ 3 in Gegenwart des Oberarztes und der Schwester sanft entschlafen.
Bisher hat nur Elisabeth Lüpke ein Wort zu mir gefunden, und ich habe ihr eben das Traurige eingehend geschrieben.
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| Du mein liebstes Herz! Ich bin fast am Rande meiner seelischen Kräfte. Du hast mir zweimal so lieb geschrieben. Ich bitte Dich im Ernst dieser Todesstunde: laß alles, alles vergessen sein, was in diesen letzten schweren Monaten sich manchmal zwischen uns drängen wollte. Laß uns wieder ganz ein Herz und eine Seele sein. Und wenn einmal einer von uns hingeht, dann soll er dem andern nur Licht hinterlassen. Der andre muß ja dann weiterleben. Aber er soll fühlen, daß nur Gutes und Liebes um ihn ist und daß der Abgeschiedene ihn mit seinem Segen führt. Es ist heut so schwer zu leben.
Mich verlangt nur nach 2 guten stillen Tagen mit Dir. Aber da treten so viel leidige Schwierigkeiten auf; das dumme Geld, an das wir jahrelang nicht zu denken brauchten! Ich möchte gern nach Partenkirchen. Denn ich möchte Frau Witting sehen, so lange sie noch lebt. Andererseits ist
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| mir der Gedanke schrecklich all die Stätten zu sehen: das Sonnenheil, das Schöttlkar, das Pfanzeltsche Haus. Ich kann, zum 1. Mal in meinem Leben, nicht allein sein. Leider aber wird Frau Arnthal wohl wieder da sein. Wenn ich eine Urlaubskarte nehme, so ist auf der Hinfahrt keine Fahrtunterbrechung gestattet. Der Weg über Heidelberg ist so weit um. Für eine gemeinsame Fahrt reicht es dies Jahr nicht, weil so viele Einnahmen fortgefallen sind und ich Dir etwas zum einfachen Existieren schicken muß. Ob wir uns, bei sparsamster Einrichtung, auf meinem Rückweg an der Berlin-Augsburger Strecke treffen könnten? Überlege auch Du einmal die Möglichkeiten. Vor allem aber: sei mir mit Deinem Schutz und Deiner Liebe nah. –
Eben holt mich Maria, damit ich ihren Kanarienvogel betrachte. Das Kind ist ein kleiner Sonnenstrahl. Ich habe mich schon ganz in sie verliebt.
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| Sie ist auch begabt. Wir haben sie in dem Luisenstift, das ich aus der Ferne so schätze, angemeldet, und Schmidt-Ott hat das Schulgeld auf 25 M im Monat ermäßigt. Aber das ist immer noch viel Geld. Die Hausgemeinschaft wird natürlich manches mehr kosten und soll es. Ich habe doch nun wieder ein kleines Band zur Zukunft. Das Verhältnis zur Mutter ist vorläufig noch ziemlich unpersönlich. Der Haushalt geht gut. Aber sie ist ein ästhetischer Typ. Das schadet nichts, ist nur für die Erziehung nicht das Rechte. Bisher war Maria wiederholt den ganzen Tag fort – "auf Freundschaft". Wenn ich sie ein paar Stunden nicht gesehen habe, fehlt sie mir schon. Als ich gestern Frl. Wingeleit fragte, was sie zu dieser Neuerung meine, sagte sie nur: "Es wird immer schöner."
Ich war gestern bei der armen Frau Jaeger, die gemütsleidend bleibt (wie natürlich.) In der 2. Stunde meines Besuches aber wurde sie lebhaft und äußerte sehr entschiedene Ansichten zur
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| Zeitkultur, wie damals über Frau Riehl.
Bei der Rückfahrt traf ich im Autobus den Kollegen v. Bissing, der jetzt in Königsberg ist. Er erzählte von einem schauerlichen Vortrag von Hans Heyse, den er gehört hat. H. H. ist Pg. Er soll jetzt allem Rationalen abgeschworen haben; v. B. meinte: um bald Rektor zu werden. Siehst Du, aus solchem Holz sind nun die Leute.
Heut nachmittag bin ich in Potsdam-Sanssouci bei einem Staatsfinanzrat Frhrn v. Dungern eingeladen, um mit dem Grafen Keyserling zusammenzutreffen. Das ist mir einigermaßen schwer.
Die Korrekturen für "Goethes Weltanschauung" sind erledigt. Den Barcelonaer Gratulationsaufsatz schreibt Frl. Silber eben ab. Auch der Aufsatz für die Internationale Zeitschrift f. Erziehungswiss. ist größtenteils fertig.
Die Baltische Neue Presse (Riga) hat einen ziemlich üblen Artikel: "Der Fall Spranger" gebracht. Ich habe auf
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| Anfrage erfahren, daß es sich um ein wenig gelesenes jüdisches Blatt handelt. Mein Kommen wird in Riga trotzdem begrüßt. Aber so geht es nun: jetzt werde ich wegen Hitlerismus verklagt. (Basis: Akademievortrag. Was Du in den Zeitungen liest, ist der offizielle Auszug, der in den Sitzungsberichten erscheinen muß. Eine ganze Anzahl von Druckangeboten habe ich abgelehnt.
Zur leidigen Politik weiß ich vieles, was nicht in den Zeitungen steht. (Ich halte jetzt die Voß.) Außenpolitisch steht es schlimm. Kaufe Dir die NZZ. von Zeit zu Zeit.
Habe ich Dir schon gesagt, daß der Baron v. Uexküll einmal bei mir Abendbrot gegessen hat und mir sehr Interessantes von der Umweltforschung erzählt hat? Außerdem habe ich vor einigen Tagen den Generalsuperindentenden Dibelius besucht und mit ihm ein langes Gespräch gehabt über die Lage der Kirche. Ich kann nicht ganz mit beiden Parteien gehen; so ist es immer. Man denkt eben schon zu lange über solche Fragen. Darauf bezieht sich
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| auch der Brief von Delekat, der noch unbeantwortet ist.
Hinsichtlich der Behandlung von Personen bleibt überall der gleiche Stil, wie ich aus 100 Privatbriefen erfahre. Warum z. B. der Muckermann hat gehen müssen, werde ich erst bei einem längst geplanten Besuch erfahren.
Prof. Borchardt war auch einmal hier; sehr munter. Ich soll Dich sehr angelegentlich grüßen.
Frau Strasen und Renate sind wieder gesund; es scheint aber, daß sie nicht werden bleiben dürfen.
Oben bei Riga habe ich vergessen hinzuzufügen, daß ich Ende September auch in Abo reden soll. Das bedeutet dann: Besuch in Dorpat, Reval Schiff nach Helsingfors. Zurück über Stockholm.
Susanne kommt, obwohl die Schule angefangen hat, noch fast jeden Tag. Sonst wäre hier auch wohl schon eine Gemütskatastrophe eingetreten.
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Ich bin mit Dettmann neulich beim Stahlhelmappell gewesen. Ganz nett, aber wie soll ich für Exerzieren und Nachtmärsche Zeit und Kraft aufbringen? Der Fall ist noch ungeklärt; eine schriftliche Darlegung meiner Situation ist noch unbeantwortet.
Bertha v. Anroy wird Dich nicht den ganzen Tag mit Beschlag belegen, so daß Du noch zeichnen kannst. Es ist doch ganz interessant, einmal von dort etwas zu hören.
Bei den Vorträgen war ich ganz auf der Höhe, sobald ich auf dem Katheder stand. Aber das waren ja alles Ausländer. Die Universität glich einem Heerlager; es war gerade die Tagung des Studentenkampfbundes "Deutsche Christen".
Nun habe ich wohl alles ausgekramt und muß endlich schließen. Ich wünsche Dir eine gute Gesundheit und Kraft für alles, was jetzt zu tragen ist. Mit vielen innigen Grüßen bleibe ich
Dein
Eduard.