Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 14. September 1933 (Berlin/Dahlem)


[1]
|
<Stempel: Prof. Eduard Spranger
Berlin-Dahlem=Dorf
Fabeckstr. 13>
14.9.33.
spät.
Mein innig Geliebtes!
Für Deinen lieben Brief und die gleichzeitige Sendung danke ich Dir herzlich. Das Tintenfaß ist mir vorläufig noch etwas verdächtig, da in den umhüllenden Papieren Tintenspuren waren. Marja hat sich über den Globus gefreut. Sie läßt herzlich danken. Die Quälerei eines eignen Briefes wollte ich ihr nicht zumuten. Du erinnerst Dich ja, wie ungern Kinder solche Sachen schreiben.
Der Zug war recht stark besetzt, fuhr aber gut. Sonntag bis Mittwoch war hier noch herrliches Wetter. Am Sonntag bin ich mit Marja u. Susanne bis zum Kaiser-Wilhelm-Turm gegangen; herrliche Fernsicht; verspätete Dampferfahrt mit etwas Frieren. Aber man scheidet ja so schwer an solchen klarsten Tagen. An sich ist furchtbar zu arbeiten, um die nordischen
[2]
| Vorträge vorzubereiten. Ich lese auf Rekord, schaffe aber doch nicht genug, da immer noch andere Dinge dazwischen kommen. (Auch der Zahnarzt.)
Am meisten Erwähnung verdient der schon in Ulm vorauszusehende Besuch bei dem uns in "bester" Erinnerung gebliebenen G.-s. Bei sehr vorsichtiger Beurteilung und absolutem Mißtrauen war das Gesamtergebnis doch: friedliche Annäherung. Die Berufung B. ist als absoluter Mißgriff erkannt; nach Aussage ist mit Versetzung an andere Hochschule zu rechnen. Die Berufung H. ist nicht perfekt. Auch da hat man Enttäuschungen gehabt. Ich konnte einen neuen Namen hineinwerfen, und ich wurde sogar gebeten, für Anfang November Reformgedanken mitzuteilen.
Dies nun als Fortschritt genommen, kam doch am nächsten Tage gleich das Minus, das Dir aus dem beiliegenden Brief von Litt entgegenleuchtet. Überhaupt: es sieht in keinem Sinne gut aus. 150000 Versammlungen für die Winterhilfe - als ich
[3]
| das heute las, mußte ich mich vorübergehend an einen Baum stützen. Bald danach kam Hedwig K. mit ihren praktischen Nöten. Die Selbstmorde der entlassenen Juden häufen sich schrecklich.
Ich habe gelesen: "Mein Kampf" und Krieck, Nationalpolitische Erziehung. Über beides bin ich im Positiven wie im Negativen klar. Die Rassenmythologie und die Propaganda - das ist das Unmögliche.
Gestern war ich auf dem A.A., habe aber wieder nichts zugelernt. Hier sind die vermutlichen Daten:
20.IX. früh Abreise.
21.IX. abends in Riga.
22.IX. }
24.IX. }Vorträge in Riga. Adresse: Herderinstitut.
25.IX }
26. }
27. } IX  Reise nach Åbo. wahrscheinlich am 28. mit Schiff. Notadresse: Deutsche Gesandtschaft Reval.
28. }
29.IX }Vorträge in Åbo. Adresse: Prof. Hans-Friedrich Rosenfeld Åbo, Henriksgatan 7.
30.IX }
ab 2.XRückreise über Schweden oder Herweg.
[4]
|
Marja ist jedermanns Freude, vor allem meine. Immer heiter, immer fügsam, bei gegenseitiger Rücksichtnahme. Unangenehm entwickelt sich das Verhältnis Strasen. Sie ist krank, klagt über ungesunde Wohnung, hat sich aber im politischen Dienst nicht geschont, ganz wie bei Dir parterre. Jetzt reist er erst allein (politisch), dann beide. Über die Regelung der Arbeit macht man sich keine Gedanken. Ich bin ziemlich aufgebracht und werde meine Rechte wahren.
Susanne muß morgen um 5 aufstehen, weil wieder mal im Stadion "gefeiert" wird, anscheinend nur, um das Geld für den VDA aufzubringen, durch zwangsweise Freiwilligkeit, wie immer. So etwas "macht Stimmung".
Post sehr umfangreich. Die Schweizer schreiben und telegraphieren schon für den März. Viel Mss für die "Erziehung" zu lesen. Überhaupt: der Vollbetrieb ist wieder da, nur nicht die Zuversicht, daß es zu etwas Gutem führen könnte.
Für heut Abend muß ich abbrechen.
Gute Nacht
Dein Eduard.

[5]
|
<beigefügter Zettel>
15.9.33.
M. L!  Neues ist nicht hinzuzufügen. Deshalb noch einmal herzliche Grüße und die besten Wünsche für Deine Gesundheit.
Dein
Eduard.

[] 27.9.   70. Geburtstag von Prof. Otto Franke, Wilmersdorf Rüdesheimer Platz 10.