Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24. September 1933 (Riga)


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Riga, 24. September 1933
Sonntag 10 Uhr
Mein innig Geliebtes!
Vor allem noch herzlichen Dank für die Herbstzeitlosen - hier ist allerdings richtiger Sommer - und für den lieben Brief wie die später eingetroffene Karte aus Heiligkreuzsteinach.
Zum Briefschreiben, das sehe ich schon, ist auf dieser "gedrängten" Reise keine Zeit. Deshalb bitte ich diesen als stellvertretend anzusehen. Ich habe gestern nicht weniger als 4 Geburtstagsbriefe schreiben müssen. Da bleibt dann für die Hauptperson nur wenig Zeit.
Diese Fahrt ist nicht ohne Hindernisse. Am 1. Reisetag Sturm und Regen, vielleicht daher rasende Zahnschmerzen, die Gottlob am 3. Tag wieder zurückgedrängt waren. Ich fuhr nur bis Gumbinnen. Dort begrüßte mich Haide Heß mit ihrem Bruder Rutger an der Bahn. Später ka
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|men die Eltern ins Hôtel. Nachts antineuralgica mit der bekannten störenden Wirkung auf Verdauung. Arglos besteige ich am nächsten Tage denselben Zug wie vor 9 Jahren. Er bringt mich auch bis Kowno. Dort sagt der Gepäckträger - es war um ½ 2, - daß der nächste Zug nach Riga nachts um 11.20 ginge. Also 9 Stunden bei feuchtem Wetter in dem lieblichen Kowno. Ich mußte mir ein Hôtelzimmer nehmen (gut u. sauber) und verdöste die Stunden, z. T. auch für die Vorträge meditierend. (Hatte nicht einmal einen Zettel weißes Papier bei mir.) Um 10 machte ich noch eine Promenade durch die sehr belebte Stadt. Dann in die Bahn; die paar Nachtstunden wurden durch allerhand Grenzkontrollen immer wieder gestört.
Um 7.10 OEZ. Ankunft in Riga, wo man mich schon verloren geglaubt hatte. Um 9 ging ich "zu Bett". Um 12 begann ein stürmisches Telephonieren und Klopfen an der Zimmertür. Schleunigst aktiviert. Karten beim Gesandten abgegeben.
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| Der Rektor des H.I. eröffnete mir, daß die Regierung 2 meiner Themata beanstandet habe. Andere Professoren haben überhaupt nicht reden dürfen, sondern zogen wieder ab. Ich, als "internationale Berühmtheit", wurde wenigstens zugelassen. Aber: der 1. Vortrag mußte völlig umgestellt werden. Dazu zunächst Frühstück beim Gesandten (20 Herren, auch Letten.) mit Portwein, Weißwein, Rotwein, Sekt, Cognac, Kaffee. Zu Hause schleunigst Zettel angefertigt. Um 8 der Vortrag im Schwarzhäupterhaus. Der Saal überfüllt, viele Letten, auch mein alter Freund Dange, der Gesandte, der Erzbischof (ev. lett.), die Übersetzerin meiner Jps. Gemessen an den Umständen und an der Vorsicht nach 3 Fronten ging die Sache ganz ordentlich. Nachher bis 12 in der "Musse".
Gestern sehr lange geschlafen. Dann in die Deutsche Schule, Mädchenabteilung, zu m. alten Freunde Gurland u. manchen noch bekannten Mitgliedern des Kollegiums. (Kaffee! - es gibt hier keinen Wein, wenig Bier. Dafür aber die verschiedensten Schnäpse, für mich eine
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| sehr ungesunde Diät. Die ganze Schule in der Aula versammelt. Man begrüßt mich mit 2 Liedern, während ich dazwischen eine kurze Ansprache halte. Als ich fortgehe, bilden alle Mädchen auf den 3 Treppen rechts und links Spalier. Ich gehe hindurch - es ergab sich aus der Situation - mit dem deutschen Gruß, der übrigens auch hier lettischer Faschistengruß ist. Am Vorabend war eine deutsche Jugendversammlung aufgelöst worden.
(Es telephoniert bei mir ununterbrochen nach Prof. Sprenkel. Ich muß zum Schluß eilen, weil ich noch an den Strand fahren will. 50 Min. Bahnfahrt. Herrliches Wetter. Solo.)
Also gestern um 2 Frühstück beim Chef des Deutschen Bildungswesens. Um 9 kaltes Buffet beim Rektor des Herderinstitutes. - Heut und morgen Abend noch Vorträge. Am Dienstag früh zunächst nach Reval. Mittwoch Überfahrt nach Helsingfors. Ich gedenke Deiner innig und unablässig und grüße Dich tausendmal.   Dein
Eduard.

[] Gestern Brief v. Walz. Grüße ihn bitte.