Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 2. Oktober 1933 (Åbo)


[1]
|
Åbo (Finnland) den 2.X 33.
Mein innig Geliebtes!
Von Helsingfors glaube ich Dir zuletzt geschrieben zu haben. Ich erhielt hier Deine liebe Karte. Mein Aufenthalt nimmt heut Abend hier ein Ende: um ½ 8 geht das Schiff nach Stockholm. Die Eindrücke waren recht angenehm, von Land und Leuten gleichmäßig. Ich kam abends an und wurde von 2 Kollegen und 2 Pressevertretern am Bahnhof empfangen. Am 1. Abend sprach ich für die deutsch-finnische Gesellschaft über "Psychologie der Lebensalter", am 2. Abend in der finnischen Universität (es gibt auch eine schwedische) über "Die Krisis der Geisteswissenschaften in der Gegenwart." Am 1. Tage besichtigten wir das alte wuchtige Schloß und den Dom, ersteres (mit historischem Museum) am Hafen gelegen. Vor den Hafen sind aber Schären vorgelagert, durch
[2]
| die der Dampfer stundenlang hindurchfährt. Manchmal wächst der Fels (Granit) direkt aus dem Wasser. Viele aber sind bewaldet mit Kiefern und Birken. Ein unübersehbares Gewirr. Am 2. Tage wurde mir zu Ehren ein kleines Frühstück gegeben. Außerdem besichtigte ich die schwedische Universität. Wetter immer gut und mild, nur gestern Nachmittag etwas Regen.
Gestern nämlich (Sonntag) war nun der freie Tag. Wir fuhren mit dem Autobus früh 9 Uhr nach Nodental (= Gnadental), einem kl. Seebad mit Klosterkirche, sehr alt, sehr anheimelnd und ernst-lieblich. Ab 11 stand uns das Motorboot des dortigen Pfarrers zur Verfügung. Wir fuhren um eine der größten Schären total herum, ca 35 km, 3 Stunden. Es war sehr schön, aber auf die Dauer recht kalt. Auch wurde nun die Zeit zu knapp, um das Schloß des Reichspräsidenten zu besichtigen. Den Pfarrer
[3]
| u. s. Gattin in wunderschönem Haus (Rosmersholm) besuchten wir nur noch im Fluge. Denn um ½ 5 sollten wir schon zum Essen beim deutschen Konsul sein. Er stammt aus Lübeck, aber seine Frau ist Finnin.
Die schönen Eindrücke der letzten Tage wurden sehr beeinträchtigt durch eine Nachricht aus Berlin, die ich nur als eine neue Unglücksbotschaft bezeichnen kann: die "Erziehung" ist uns aus der Hand gewunden. Flitner hat die klassische Dummheit begangen, gerade jetzt in der gefährlichsten Situation Herrn Dr. Meyer mitzuteilen, daß er zum 1.I. die Schriftleitung niederlege (ohne zu sagen, daß er Mitherausgeber bleiben wolle). Er muß dies ausgerechnet tun, während ich 14 Tage im Auslande bin. Dr. M. - verstimmt, weil die Abonnentenzahl von 2200 auf 1800 herabgegangen ist, schreibt zurück: es sei nun von uns zugegeben, daß die Mitarbeiterschaft
[4]
| mit dem, "was sie zu sagen habe, am Ende sei". Er wandte sich an den Ministerialdirektor Buttmann im R. d. I. und läßt sich von ihm einen neuen Herausgeber vorschlagen. Alles, ohne mich zu fragen. Das ist natürlich eine offene Kriegserklärung. Die Niederlage vor der Öffentlichkeit aber ist besiegelt, selbst wenn es den Herausgebern gelingen sollte, geschlossen unter anderem Namen in einem anderen Verlag sofort eine neue Zeitschrift zu begründen. Der Dr. Meyer ist nun wieder eine neue Erfahrung! 15 Jahre hat er mit mir die glänzendsten Geschäfte gemacht. Nun bin ich ein toter Mann, und er gibt mir einen Fußtritt. Flitner hat unverantwortlich gehandelt. Ich habe ihm dies auch geschrieben. Es ist aber, als sollte in wenigen Monaten alles zusammenbrechen, was ich in vielen Jahren aufgebaut habe.
Man ist unter diesen Umständen
[5]
| gern in der Ferne. Hier wie in Lettland und Helsingfors habe ich noch volle Geltung. Dabei ist das, was sich als neu gibt, noch sehr armselig. Wenn man es kritisierte, würde sich das meiste als halb und völlig unfertig erweisen. Das alles ist sehr schwer durchzuhalten.
Morgen früh bin ich in Stockholm. Ich fahre aber erst abends weiter und komme via Rügen nach Berlin am Mittwoch Abend. Viel herzliche Grüße in stetem Gedenken.
Dein
Eduard.