Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 19. Oktober 1933 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, 19.X.33.
Mein innig Geliebtes!
Ich hoffe, daß Du den Rheumatismusanfall schnell abtun konntest, und daß es Dir wieder ganz gut geht. Mir haben die Reisen merkwürdigerweise recht gut getan, obwohl sie alle recht anstrengend waren. Nur mein chronischer Bronchialwinterkatarrh, auf der 2. Fahrt nach Gnadental bei stürmischen Regen im halboffenen Auto erworben, ist pünktlich wieder da.
Ich konnte Dir lange nicht schreiben, weil ich jetzt wieder viel Aktivität entfalten muß. Es scheint ja, daß man eines Tages aus Not auf Leute wie mich zurückgreifen muß. Nach außen hin ist alles total verfahren; vielleicht ist das bißchen Auslandskredit, das ich habe, einmal noch ganz nützlich. Man vergl. die Bemühungen des Propagandaministeriums, mich für den Stockholmer Vortrag am 2.XI. zu gewinnen.
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Am 11.X. bin ich um 18.40. mit dem Entwurf des 3 mal zu haltenden Marinevortrages nach Bremen abgefahren. Um 11 ½ war ich da. Am 12.X. versuchte ich den Landesschulrat Bohm, meinen alten Freund, zu treffen, auch um etwas über den uns als "Redakteur" empfohlenen Senator v. Hoff zu erfahren. Er war krank. Um 2 fuhr ich nach Wilhelmshaven, traf um 4 ein, wurde im Auto herumgefahren u. besichtigte das Panzerschiff Deutschland. Um 5 der Vortrag, der den Admiral u. die höheren Offiziere auch nachher noch beschäftigte. Ich aß mit 3 von ihnen im Kasino. Um 8 fuhr ich ab und war nach 11 wieder in Bremen. Am 13.X. früh 8 Uhr ab bin ich nach Altona gefahren. Dort konnte ich ans Elbufer gehen und um 11 Mittag essen. Von 12-4 unterwegs im P.zug nach Flensburg. Dort keine Abholung. Die Marineschule in Mürwik liegt hoch über der Förde, im Stil der Marienburg gehalten. Zuhörer Admiral v. Trotha, die Fähnriche, Landheeroffiziere, SA. u. SS. Vertreter. Wirkung hier mehr ethisch. Gerade die Letzterwähnten schüttelten mir die
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| Hand. Ich hatte gerade noch Zeit, am Bhf. eine Wurst zu essen. Um 7.15 ging der Zug. Um 9.45 war ich in Kiel. Dort wohnte ich wieder in dem netten Hôtel Holst am Schloß. Am 14.X. früh 9 Uhr Vortrag im Stationsgebäude, zwei sympathische, sehr gebildete Admiräle. Zuhörerschaft hier besonders intelligent u. interessiert. Man wollte mich im Auto mitnehmen zur Ausfahrt der Karlsruhe. Aber um 11 kam schon Flitner von Hamburg. Wir besprachen, z. T. am Wasser spazierengehend, die Lage der Zeitschrift, kamen aber zu keinem festen Bild u. Entschluß. Deshalb schlug ich vor, mit Meyer unter 4 Augen zu verhandeln. Abfahrt nach 3, Ankunft in Dahlem um 9.
Inzwischen war Felicitas dagewesen. Ich lud sie für Montag 16. zu Mittag ein. Sonntag Nachm. mit Marja in Klein-Machnow. Energische Arbeit für die "Staatsphilosophie". Montag nach Tisch mit Felicitas im Grunewald. Vielleicht kommt sie noch einmal. Gestern, Mittwoch, um 9 Uhr Fahrt nach Leipzig. Litt an der Bahn. Um 12 bei Meyer, den ich erst scharf anfaßte.
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| Dann zeigte sich aber, daß Flitner den größeren Teil der Schuld hatte. Ich machte garkeine Konzessionen. Alles bleibt beim Alten, Flitner ist bereit, weiter zu arbeiten, nur muß alles "aktueller" werden. Zu Mittag bei Litt. Nach Tisch kam noch Flitner. Wir sprachen fast 3 Stunden über alles. Um 5 ging ich zu Bernhard Schwarz, der eine große Beschwerdedenkschrift an die obersten Stellen geschickt hat und sehr energisch zum guten arbeitet. Aber seinen Optimismus hinsichtlich der Grundlagen kann ich nicht teilen. Um 9 war ich wieder am Anhalter Bhf.
Heut ist erste Akademiesitzung. Morgen gehe ich in Uniform zum Stahlhelm. Frl. Silber hat jetzt 17 Stunden an einer jüdischen Volksschule. Die Sorge um sie löst sich damit fürs erste. Nun sind 2 große Sachen zu behandeln: der Vortrag am 2.XI. in Stockholm, ("Die geistige Lage in Deutschland"!?!) Es ist der erste einer Saison, in der v. Papen, Krupp v. Bohlen, Johst u. Beumelburg sprechen werden. Ich werde versuchen, bei dieser Ge
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|legenheit mit prinzipiellen Fragen an Herrn v. Neurath heranzukommen, der allerdings den Kopf voller Sorgen haben wird. Ferner der Semesteranfang, der nun bis zum 6.XI. für mich hinausgeschoben werden muß. Ich habe deswegen ausdrücklich beim Minister angefragt.
Gerullis ist gegangen. Der Nachfolger ist kein Zeichen einer Milderung. Aber Frick soll zu dem ganzen Ministerium in Gegensatz stehen. Angeblich hat er sich über mich ein Gutachten eingeholt.
Der Schulrat Schröder ist pensioniert. Der Schulrat Gans ist Lehrer geworden; für ihn setzt sich seine ganze Lehrerschaft mit Leidenschaft ein. Copei ist ohne Gehalt entlassen. Ein Gerücht sagt, auch Oesterreich sei entfernt?? Das muß man doch vorsichtig erkunden.
Schrödinger u. v. Mises haben freiwillig verzichtet u. werden dem Auslande dienen (Oxford, Ankara.) Die Universität wird militärische Ausbildungsstätte, auch die jüngeren Dozenten müssen Übungen mitmachen. - Mir ist eine kulturell leitende Funktion im Stahlhelm - zugedacht; aber alles noch unbestimmt. Kannst Du mir sagen, wohin
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| das eigentlich treibt? Es riecht sehr nach Krieg.
Ich füge heut nur die Bilder¹) [Fuß] ¹) zurückerbeten. von Gnadental bei. Was Du da siehst ist Meer. Keine der Vortragsstellen hat [über der Zeile] bisher ein Honorar bezahlt. Ich habe ca 325 M auslegen müssen. Hoffentlich kommt das auch mal wieder herein. Die Umwandlung meiner Zentralheizung in Ölfeuerung scheint dies Jahr noch nicht zustande zu kommen. Sie soll wesentlich billiger sein. Die Steuerbehörde hat mich noch sehr hoch genommen.
Ich muß jetzt weiterarbeiten. Viel innige Grüße u. alle guten Wünsche von Deinem
Eduard.