Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 12. November 1933 (Berlin)


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12.11.33.
Mein innig Geliebtes!
Viel kann ich Dir leider auch heut nicht schreiben. Das Wühlen hat 70 Minuten gedauert. Ich muß mich auf das Wichtigste beschränken.
Deine beiden lieben Briefe hätten mich mehr erfreut, wenn nicht immer wieder von dem Rheumatismus die Rede wäre. Warum nimmst Du nicht wieder einige Bäder?
Das Buch von Uexküll "Bilderbuch der Umweltlehre" ist nach s. heutigen Auskunft immer noch nicht erschienen. Lies stattdessen die instruktiven 20 Seiten von Ue. in Driesch, Das Lebensproblem, Q. u. M. 1930. oder das alte Buch von v. Uexküll: Umwelt u. Innenwelt der Tiere.
Stockholm war also ein voller Erfolg und hat mich recht erfrischt. Seit der Rückkehr habe ich von dort nichts weiter mehr gehört.
Der Anfang der Vorlesungen verlief glatt, obwohl der Rektor mir eine leise Befürchtung geäußert hatte. Die Hörerzahl
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| beträgt nur 4/5 der sonst im Anfang üblichen. Das ist aber wohl mindestens der Betrag, um den die Studentenzahl überhaupt zurückgegangen ist, d.h. 1/5. Die Staatsphilosophie ist etwas stärker besucht als Pestalozzi etc. Dort ist kaum ein Sitzplatz unten in dem bekannten Auditorium frei. (also 450 Hörer.) In der anderen Vorlesung ca 400. Das öffentl. Kolleg steht unter ungünstigen Anfangsbedingungen. Am Freitag konnte ich wegen der Hitlerrede nur 20 Min. lesen; nächsten Freitag fällt wegen der Lutherfeier ganz aus. Die Sache beginnt also eigentlich erst am 24. Nov.! Es waren ca 200 Leute da. Publica sind ja immer schlecht besucht. Zu den Übungen haben sich ca 90 gemeldet.
Unter den Hörern sind einige Braune, was nichts mehr sagen will, nachdem die Mehrzahl der Studenten in die SA. hineingehen muß. Sie tragen aber nicht immer Uniform. Der Eindruck des Auditoriums ist gut u. ernsthaft, eigentlich wie immer. Ich habe 4 ausgezeichnete Stunden gehalten. Unter den Hospitanten befindet sich der Kammergerichtspräsident i. R. Tigges.
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Gestern war Geheeb bei mir. Er ist ziemlich entmutigt. Ich riet ihm zu, in die Schweiz zu gehen, wo er Möglichkeiten hat, die Schule fortzuführen. Sein Stil ist hier doch nicht möglich. Abends kam Adalbert. Er hat wegen Mißgeschick und Krankheit schon 2mal die Assessorarbeit zurückgeben müssen. Persönlicher Eindruck ausgezeichnet wie stets. Vor allem freue ich mich, innerlich bis in die Einzelheiten mit ihm übereinzustimmen. Solcher Menschen treffe ich viele. Ich bin im Begriff, in einem wichtigen Kreise eine Initiative zu ergreifen.
Marja ist immer fidel und bleibt ein lieber Hausgenosse. Eine Frau Direktor Palme in Stockholm hat mir eine Riesenschachtel herrlichen Konfektes für sie mitgegeben. Renate scheint eben den Keuchhusten zu bekommen.
Bitte halte die Vermittlung zu Oesterreichs aufrecht. Direkt scheint er mir nicht schreiben zu wollen.
Habe ich erwähnt, daß bei dem Empfang in der Türkischen Botschaft Renate Müller ganz so auf mich zukam, wie wir sie im Film wiederholt die Treppe hinaufsteigen sahen?
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In dieser Woche sind viele Prüfungen. Die Vorbereitung auf die Vorlesungen kostet eigentlich die ganze Zeit. Christian Biermann studiert jetzt hier u. hat mich schon vor Stockholm besucht.
Es gongt. Ich breche für heute mit den innigsten Wünschen u. Grüßen ab.
Dein
Eduard.