Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 15. Dezember 1933 (Berlin/Dahlem)


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<Stempel: Prof. Eduard Spranger
Berlin-Dahlem=Dorf
Fabeckstr. 13>
15.12.33.
Mein innig Geliebtes!
Ich fühle mich wegen der langen Schreibpause recht schuldig. Aber du wirst es auch begreifen, daß ich nicht gern Karten schreibe, in denen ¾ ungesagt bleiben muß, wo schon in Briefen das meiste ungesagt bleiben muß. Jede Einzelmitteilung steht schief ohne den Hintergrund, auf den sie gehört, und eben dieser ist sehr schwer zu schildern. Es mag genügen, wenn ich auch heut nur sage: er bleibt schwer und düster, allgemein und personell. Es hat sich im Ganzen garnichts verschoben. Ich sehe alles sehr ernst.
Was nun das Private betrifft, so hat es ein paar Symptome gegeben, die mich zeitweise sehr aufregten, daß man eine Aktion in der Presse gegen mich anfangen wollte. Doch blieb dies vereinzelt. Ich stehe daneben; ich stehe aber nicht allein, und abgesehen vom beruflichen Kreise fehlt nicht manche persönliche
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| Stärkung.
Die Vorlesungen sind gut und verhältnismäßig gleichmäßig besucht. Die Qualität meiner Leistung ist dank einem unermüdlichen, anstrengenden Fleiß sehr gut. Beweis: Der Kammergerichtspräsident a. D. Tigges, mit dem ich auch persönlich gute Fühlung aufgenommen habe, erscheint regelmäßig 4mal in der Woche. Es fällt oft aus - wegen Studentensachen; darunter leiden die Übungen. In den Räumen des Seminars arbeitet so gut wie niemand. Das berühmte altphilologische Seminar hatte im Sommer noch die regulären 12 höchst ausgelesenen Mitglieder, in diesem Semester 1 Dame. Der Chef unseres Ressorts verkündet gedruckt, es liege nichts Unerhörtes darin, wenn man läse, die Universität Berlin habe von 1811 (!) bis 1933 existiert. Meine Sprechstunden sind wieder wie sonst besucht. Im inneren Betrieb kaum eine Veränderung spürbar (nur leise Symptome beginnender Opposition bei den Studenten) Nur die Fakultät ist der unerträglichste Ort, und alles fühlt sich bedroht.
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Der Tod des guten Freundes Heinrich Maier kam ganz plötzlich. Bis ½ 2 hatte er gearbeitet. Um 2 ereilte ihn der Herzschlag, und er hatte das Bewußtsein, zu sterben. Mir wird dadurch viel Arbeit: ich muß die Kantkommission u. die +++ Leibnizkommission in der Akademie übernehmen, 2 ohne seine Schuld verfahrene Geschichten. Ich muß bei der Nachfolge in Akademie und Fakultät mindestens Versuche selbständiger Aktion machen. Am 15.I. soll eine Trauerfeier sein. Auf seinen Wunsch ging niemand außer der Familie mit zur Bestattung (in Dahlem, Waldfriedhof.)
Meine Pläne beim Stahlhelm sind bisher nicht einen Schritt weitergekommen. Morgen ist vielleicht ein erster Ansatz möglich. Die Hindernisse liegen im deutschen Nationalcharakter: Servilität.
Flitner war hier. Die "Erziehung" hat natürlich und Gottlob immer innere Schwierigkeiten. Sie fordert viel Zeit, ohne viel Freude zu machen. Wird sie sich erholen? Ich arbeite auch da ganz planmäßig. Der Arbeitstag ist aber angefüllt bis zum Letzten, zumal die "Damen" immer
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| noch meckern. In einem Fall von Gefährdung (Buschmann) habe ich die volle passive Resistenz nicht durchführen können.
Wenn ich zu Hause bin, macht Marja von ihrem Recht Gebrauch, nach dem Abendbrot bis 9 zu erscheinen, zum Spiel oder klugen Gespräch. Das Kind ist von einem ganz unbeschreiblichen Reiz und verscheucht sofort alle Wolken. Ungünstige Seiten habe ich, außer Souveränität gegenüber der Schule, nicht bemerkt. Aber es ist auch so, daß irgend ein Zug von Tiefe und schon hervorstechenden ethischen Eigenschaften noch nicht bemerkbar ist. Ich weiß nicht, ob es überhaupt einmal tief gehen wird. Sie attachiert sich allmählich an mich mit einer zurückhaltenden kindlichen Zärtlichkeit. Aber eigentlich - ist sie schon fertig. Sie trägt also auch mich mit schonender Geduld. Immer aber ist sie heiter, und das ist ja jetzt garnicht zu bezahlen.
Ich werde bis zum 21. lesen. Dann muß ich die Weihnachtssachen erledigen. Für Mitteilung eines sinnvollen Wunsches wäre
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| ich dankbar (bald!) An den Weihnachtskaffee mit Strasens gehe ich diesmal ungern. Es hat in mir eine Dauerverstimmung Platz gegriffen. Aber das muß ja aus vielen Gründen nun durchgehalten werden. Der 1. Weihnachtstag ist ein schmerzliches Vacuum, das ich nicht an fremder Stelle ausfüllen möchte. Am 2. bin ich bei Frau Lenz, mit dem "entlassenen" Sohn. Und nun zu unsren Plänen. Ich habe viel überlegt, halte aber folgenden Plan für den besten: Wir wollen uns am 28. nachm. in Weimar treffen, und dort bis zum 3.I. nachm. bleiben. Das Hôtel ist bekannt, nicht gerade billig, aber gemütlich (Elefant.) Ich habe ein paar Verpflichtungen: Kirmß, Muthesius, Gräfin Bose, Scheidemantel etc. Aber man kann das einschränken. Es käme nur noch Eisenach in Frage. Aber in Weimar wird eine in Thüringen herrschende vorherrschende Färbung durch Größeres paralysiert, in Eisenach steht die Burg als Problem. Was meinst Du?
Angeblich soll das Goethebändchen ungeheuer gekauft werden. Schon in Weimar sagte mir Kippenberg, es wären 7000 Exemplare ver
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|kauft. Aber von einer neuen Auflage höre ich noch nichts. Der Herausgeber der "Forschungen und Fortschritte" will mich möglichst dem Ausland präsentieren - ein freundliches Bemühen. Da aber in Boston eine Straßenschlacht entstand, als ein Kollege von hier über die neuen Dinge sprach, so weiß ich nicht, wie man darauf reagiert. (Was das Regieren betrifft, so regiert sichtlich alles gegeneinander.)
Ich packe allerhand Briefe bei, die ich gerade aufgreife; außerdem 2 Zeitungen, die Du aufmerksam übersetzen wirst.
In der Sache Oesterreich habe ich noch nichts getan. Es ist doch schließlich kränkend, wenn die ganze Familie sich widerstrebend verhält, und tun kann ich ja leider nichts. England hat schon 150 Professoren aufgenommen. Im ganzen sollen 60000 [über der Zeile] deutsche Untertanen emigriert sein.
Ich werde mit meinen Mitteilungen doch keine Vollständigkeit erreichen. Und da wir uns hoffentlich bald sehen, so breche
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| ich lieber in dieser späten Stunde ab. Denn eigentlich lasse ich lauter Dringendes liegen. Auch sind im gesprochenem Wort ganz andere Nuancen zu setzen. Verzeih also die Lücken und sage mir nur, außer dem Wunschzettel, Deine Meinung über Weimar.
Viel innige Grüße
Dein
Eduard.