Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 13. Januar 1934 (Berlin/Dahlem)


[1]
|
<Stempel: Prof. Eduard Spranger
Berlin-Dahlem=Dorf
Fabeckstr. 13>
13.I.34.
Mein innig Geliebtes!
Es ist weiß Gott nicht freiwillig geschehen, daß ich Dich so lange ohne Nachricht gelassen habe. Inzwischen hoffe ich Dich glücklich heimgekehrt, nach einigen familiären Tagen in Hofgeismar.
Ich fand hier noch einen Berg von Post, der bis heute nicht abgetragen ist, ließ mir gleich einen neuen Vorderzahn wachsen und schrieb am 5. Januar an einem Tage glatt 40 Quartseiten herunter, die dann noch ergänzt wurden und noch umgearbeitet werden müssen. Bei dieser Forcierung habe ich mir einen kleinen Nervenzustand geholt, der mich noch immer stört. Dann begann sogleich die sehr umfangreiche Vorbereitung für die 4 Semestergegenstände. Am 1. Tage war die Vorlesung beängstigend schwach besucht. Die andere aber hat einen sehr ansehnlichen Besuch und stieg gestern, trotz meiner Erschöpfung, auf eine innere Höhe des Gedankens und Kon
[2]
|taktes, wie ich sie wohl seit Jahren nicht erreicht habe. Am Mittwoch Abend hielt der gute Bauch hier einen sehr mäßigen Vortrag, der das Ausbleiben und die folgende Nachtarbeit nicht lohnte. Am Donnerstag war er zu Mittag hier, was natürlich auch anstrengend wurde, da ich nachmittags in der Akademie viel Wichtiges zu tun hatte. Gestern um 1 nach dem Publikum war ich vollständig erledigt. Ich lud mir daher den kleinen Christian Biermann ein, der ein lieber Gesellschafter ist, obwohl er garnicht in die Zeit paßt, während "der Bauch" fröhlich in seinem Elemente schwimmt.
Gieses neues Buch wurde in dem offiziellen Zentralblatt f. d. ges. Unterrichtsverwaltung in Preußen weniger besprochen, als gemordet, wobei auch zum Ausdruck kam, daß Zitate aus Kerschensteiner und Spranger belanglos seien und durch solche aus Krieck, Hitler und Göbbels zu ersetzen wären. Gottlob ist es dem armen Verfasser an anderen Stellen etwas besser gegangen.
Der Gegenseite geht es aber auch nicht gut. Reichsreform anscheinend mißglückt, Siedlung gestoppt, Luftschutz fraglich, Außenerfolge - - , und die Kirche? Völliges Chaos.
[3]
|
Ein mir befreundeter rabiat deutsch-christlicher Pfarrer sagte in 2 Worten: "Man verliert viele Familien; aber man gewinnt eigentlich nichts. Denn die Ns. gehen ja nicht in die Kirche". In der Tat macht sich jetzt die germanisch-heidnische Richtung stärker bemerkbar.
Das B. Tageblatt hat eine ganz hübsche Skizze über mich als akademischen Redner gebracht, die ich Dir bald leihweise schicken werde. Was sagst Du zu diesem Brief des Hauptuntäters aus dem Hochschulverband? Natürlich bleibt er unbeantwortet. Heinz schrieb sehr nett und "durchschimmernd". Durch Helmut v. Glasenapp habe ich nun auch Nachrichten über die Heldentaten v. Hans Heyse, Rektor und Pg. in Königsberg.
Morgen werde ich in Potsdam bei dem Baron v. Dungern sein, wo ich Keyserling kennen gelernt habe. Marja ist nach wie vor höchst munter und amüsant. Sie interessiert sich aber auch für ernstere Dinge.
Es steckt eine Erkältung in mir; aber sie bleibt in erträglichen Grenzen. Vermutlich muß ich am 27.I. wieder nach Weimar. Willst Du nicht der Frau Deetjen noch ein freundliches Wort schreiben? Ich muß jetzt an meine Ar
[4]
|beit gehen, die recht drängt. Darin hat sich also nichts geändert.
Viele gute Wünsche für Dein Wohlergehen und herzliche Grüße
Dein
Eduard.