Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 17. Februar 1934 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 17. Februar 1934.
Mein innig Geliebtes!
Ich habe Dir sehr lange nicht geschrieben. Du wirst Dir denken können, daß ich mich durch die Arbeit der letzten Wochen nur sehr schwer durchgekämpft habe. Ich wundere mich selbst, daß ich jeden Morgen bisher die Kraft zum Aufstehen finde, obwohl doch von der Arbeitsseite her kaum irgend ein Strahl von Freude oder Hoffnung kommt. Man "wickelt sich eben so weiter ab." Auch jetzt noch liegt auf mir ein kaum zu bewältigendes Sonnabend-Sonntagpensum. Montag u. Dienstag je 4 Stunden Staatsexamen; außerdem bis Donnerstag 15 Doktorprüfungen.
Aber ich will zunächst erzählen. Mit einem sehr eilig vorbereiteten Goethevortrag bin ich am Mittag des stürmischen 7. Februar nach Dresden gefahren. Ich habe zunächst Morgners besucht! Mindestens
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| bei ihr besteht doch ziemliche Krankheitseinsicht. Um ½ 9 begann der Vortrag; anscheinend geschlossene Gesellschaft; sonst hätte man mehr als 220 Besucher gezählt. Darunter mancher Kollege und alte Bekannte (auch m. Leipziger Famulus Brunst, Kaubisch, der Russe Stepun, Prof. Janentzky) Die Begrüßung durch den Ministerialrat M.-G. war sehr sympathisch - beziehungsreich-durchsichtig. Die Wirkung war gut, außer bei den Fachleuten, die sich schweigend verhielten. Nachher ein gemütliches Zusammensein, bei dem auch der Prof. Naegel mit Frau aus dem Hochschulverbandsvorstand war. Er tat, als ob nichts vorgefallen wäre, ließ aber doch ein schlechtes Gewissen merken; ich sehr kühl. (Ebenso habe ich auf die Todesanzeige der Frau von Bumke nur mit Visitenkarte geantwortet). Oberschulrat <Name unleserlich>, Delekat mit Frau (in Kämpfen.) u. sonst manche, die Du nicht kennst. Es war auffällig, wie gleichartig die Stimmung in D. ist und wie klar sie sich ausspricht. Schluß nach 12.
Um 6 mußte ich schon wieder heraus, und um 10 stand ich auf meinem gewohnten
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| Katheder in der Dorotheenstr. Aber am Donnerstag ist bekanntlich Akademie, Fakultät (bei weitem das Schlimmste) und Vorbereitung auf 2 Vorlesungen am anderen Tage. Ich bin am Freitag um 1 immer ganz erledigt.
Trotzdem habe ich am folgenden Tage sogleich das Ms. fertig redigiert, das die Fortsetzung (noch nicht den Schluß) der Internationalen Zeitschrift für Erziehungswiss. bedeutet. Sonntags kommt dann "der" Spaziergang von 1½ Stunden heraus.
Mittwoch war Menzer - Halle zu Mittag bei mir. Auf Wunsch des Ministerialrats Pg. Löpelmann habe ich mich entschlossen, nun doch bei der Regeneration der Kantgesellschaft mitzuwirken. Man ist darüber sehr froh, weil es im Auslande einen guten Eindruck macht. "Man" befindet sich aber auch in persönlichen Gegensätzen, so daß ein Freund möglicherweise 6 Feinde bedeutet.
Donnerstag [über der Zeile] früh um ¾ 9 sprach ich im Reichswehrministerium in einem überfüllten, heißen und dunklen Saale. Es kam nicht so heraus, wie auf den Marinestationen. Aber es hat die Hörer sichtlich innerlich stark gepackt, und
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| hohen Chargen auf der ersten Reihe sagten in einer kurzen Ansprache hinterher sehr Sachgemäßes und Gutes. Um 10.20 sprach ich in der Universität über Goethe. Um 4 war ich wieder in der Akademie. Dann kam die Vorbereitung auf 2 schwere Vorlesungen. Gestern (nach 3 Doktorprüfungen) kam Günther (Hans), der immer allerhand weiß. B. soll noch 24 Hörer haben. In der Fachschaft haben sie ihn wegen seiner Spenglerkritik hinausgesperrt.
Bei mir steht es so: In der Staatsphilosophie noch ca. 350 Anwesende; lebhafte Teilnahme. Obwohl schwierige Momente nicht fehlen. In Pest. Herder- Goethe knapp 250 - diese Welt scheint den Leuten teilweise ganz fern. Das Seminar über Fichte wird von den Teilnehmern besser behandelt als von mir. Aber in den Seminarräumen ist niemand mehr. - Die Professur in Br., auf die Giese gehofft hatte, wird nicht besetzt. In Kiel u. Göttingen haben sich neue Universitätsskandale unerhörter Art zugetragen.
Bei Franke ist nach der 1. Operation durch Röntgenaufnahme ein Darmgeschwür festgestellt worden. Er ist dann heut vor
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| 8 Tagen noch einmal operiert worden. Ich war am Montag da, ohne ihn zu sehen. Die Auskunft lautet jetzt wie damals "sehr schwach".
Im St. steht es traurig. Es ist ja nun zur Hälfte beseitigt. Murren u. Mißstimmung. Vorläufig keine Zusammenkünfte. Der Präsident T, krank, reist nach Sizilien.
Du siehst, lauter Schattenbilder. Nur ein Bild ist immer hell: Marja. Und das wäre nun der einzige schwere Punkt an dem erörterten Projekt. Sonst - hält mich wenig. Bitte richte Dich darauf ein, daß ich am Sonntag 4.III. mit dem Zuge, der 7.45. von Berlin abgeht, wohl durch Mannheim komme. Da der letzte Vortrag, St. Gallen, erst am 19.III. stattfindet, bleibe ich wohl reichlich 14 Tage in der Schweiz. Vermutlich komme ich dann via Stuttgart (u. Baden-Baden?) auf höchstens 3 Tage nach Heidelberg. Ich werde im Schlußteil meines Briefes, den ich erst nachher schreibe, noch wichtige Dinge berühren.
Hörst Du etwas von Caecilie Oesterreich? Sie hat mir nicht geantwortet, so wenig wie Adelheid in Königsberg. Die schöne Erklärung der preußischen H. R., unter der sein Name steht, hast Du ja wohl gelesen.
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Es folgt jetzt noch ein "Wirtschaftsteil." Schon vor 14 Tagen habe ich festgestellt, daß ich im vorigen Jahr mehr ausgegeben als eingenommen habe. (nämlich ca 3000 M.) Das ist nun vielleicht nicht so schlimm, wie es aussieht. die Nominaleinnahmen haben ca 24000 M betragen. Aber das sind z. T. Scheineinnahmen. Denn außer den Abzügen, die man überhaupt nicht in die Hand bekommt, folgen nachher maßlose Steuern. 5 % Ledigenabzug sind keine Kleinigkeit. Einnahmen außerhalb des Amtes haben 1933 nicht 2000 M betragen. Aussichten auf solche bestehen auch nicht. Aber wie es nun auch zustandekomme: auf meinem Konto sind am 1.1.1934 ca 1500 M wenig gewesen als am 1.1.1933, und da 1500 M schon 1933 gezahlt worden sind, die eigentlich erst 1934 fällig waren, sind es eben 3000 M minus.
Heute früh ist nun die Mitteilung gekommen, daß meine Gehaltsbezüge ab 1.IV. um 3800 [über der Zeile] 3950 M gesenkt werden. Sie betragen dann noch 15000 M im Jahre.
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| Rechnet man die (anscheinend bleibende) Kolleggeldgarantie von nominell 4000 M und das lächerlich gering gewordene Akademiegehalt hinzu, ferner die paar Mark Prüfungsgebühren und freien Einkünfte, so bleibt immer noch ein Betrag um 20000 M im Jahr. Damit muß ich nicht nur auskommen, sondern es muß für Sonderfälle ein kleiner Überschuß bleiben. Darauf also muß geachtet werden, daß keine Unterbilanzen entstehen. Im vorigen Jahr waren solche Posten dabei wie 500 M für Frau Witting, 360 Frau Rohde etc. das fällt fort. Außerdem habe ich soeben gleich eine Unterredung mit Frau St. gehabt, daß ich ab 30. Juni die bisherigen Ausgaben nicht fortsetzen könne. Das ist eine Kündigung, und ob wir uns auf einem Fuße von 50 % einigen, das hängt eigentlich mehr von der beiderseitigen Stimmung ab. Ich kann die Sache auch machen mit einem bißchen gärtnerisch erfahrenen Mädchen, das oben wohnt. Unten bliebe leer. Oder mit einer Frau oder einem alleinstehenden Mann. Das wird sich ja finden. Die ganze Frage ist nicht ernst, aber sie muß
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| aufmerksamer behandelt werden als bisher, wo es Gottlob nicht nötig war.
Was soll man sonst sagen? Ich finde daß das Bild in jeder Hinsicht sich verschlechtert. Erfolge nirgends. Um so schärfer. Jeder bedenklich.
Heut Abend werde ich bei Glasenapps in Potsdam sein. Von dem guten Ursenbacher habe ich einen langen Brief, den ich Dir später zeigen werde. Tout comme chez nous.
Zu dem obigen Thema möchte ich nachtragen: Frl. Silber 75 M geht natürlich auch nicht. Nun ist sie aber bei ihrer Schule zum 1.IV. gekündigt worden. Hoffentlich nur "vorsorglich." Ich hatte eigentlich gehofft, daß sie dort allmählich eine ausreichende Versorgung finden würde.
Hildebrandts sind schon seit dem 1.X. wieder in Berlin. Die Frau ist vollständig verbraucht.
Zum 25.II. werde ich so eingehend nicht wieder schreiben können. Nimm dies also bitte als einen Vorschuß auf den Geburtstagsbrief.
Ich wünsche Dir von Herzen gute Tage und bleibe mit innigen Grüßen
Dein
Eduard.

[li. Rand] Margarete Thümmel habe ich vor 14 Tagen bei Frau Fehmer gesehen. Sie sieht gesundheitlich recht gut aus.