Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 11. März 1934 (Biel/Hotel Terminus)


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Biel, Hotel Terminus.
(Adresse: postlagernd.)
11. März 34.
Mein innig Geliebtes!
Eben bin ich von Luzern her in Biel angekommen. Es ist jetzt eine Pause in den Vorträgen: erst am 16.III. wieder in Winterthur (Literar. Gesellschaft, z.H. v. Hrn. Dr. Schaffner) und am 19.III. in St. Gallen (p. Adr. Prof. Dr. W. Müller, Tannenstr. 52) Ich werde wohl schon am 17. abends in St. Gallen sein.
Die Vorträge sind gut verlaufen, besonders in Bern ist es mir hervorragend gelungen. Dort war der Schw. Außenminister Motta (ohne sich bekannt zu machen) anwesend. Offenbar nicht ohne Grund. Unser Gesandter kam mir sehr freundlich entgegen. Ich habe bei ihm Tee getrunken und, da ich gleich sehr viel Vertrauen hatte, ihm die Geschichte erzählt. Denn der Generalkonsul in Z. wußte schon von sich aus davon und leider: Toute la Suisse et tout le
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| monde en parle. Er war sehr dafür - - In Luzern fand ich auch die Nachricht, daß die Sache offiziell laufe und Deinen lieben Brief.
Bei dem Vortrag in Bern tauchte überraschend Siegmund-Schulze auf, der mancherlei erzählte. Ein ergreifendes Wiedersehen der Berliner Seminarkollegen. Überall ist man entzückend freundlich. Und doch, was ich durchmache, ist nicht zu schildern. Wie anders waren die ersten Rufe.
In Luzern kleinerer Kreis. Aber wärmste Anteilnahme ("Religion u. Kultur heute"). Eine dort lebende Studentin aus dem vorigen Semester war auch da (Frl. Rynert.) Am nächsten Tage hatte ich allerhand Besuch u. mußte viel schreiben. Erst gegen Abend ging ich wehmütig am Cecil vorüber. Für die Landschaft hatte ich wenig Aufmerksamkeit. Am Abend im Dubeli, R. Wagner-Lokal, wo wir auch waren. Heut vorm. bei Föhn, also Sonne u. Wärme, Spaziergang am See mit Frl. Rynert,
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| nachher Treffen mit Exjesuiten Dr. Karrer, bekanntem Eckehartforscher, der von m. Vortrag sehr angetan war (wie es auch Herr Motta gewesen sein soll.) Lange Fahrt über Bern hierher. Biel macht fürs erste keinen sehr erfreulichen Eindruck. Eigentlich wollte ich 3 Tage bleiben, in billigerem Hotel (aber ich bin jetzt verwöhnt) und in der Stille. Hier kenne ich nur einen Gymnasialrektor.
Der Schwebezustand ist furchtbar. Vielleicht muß ich von St. Gallen direkt zurück. Ich will jedenfalls mit unserem Gesandten in Fühlung bleiben. Kommt die Operation, dann sind weiterer Umstellungen und Entschlüsse einschneidenster Art in Sicht, von denen ich noch schreiben werde. Denn das heißt ja: aus dem Stumpf, der dann noch steht, ein paar grüne Reiser hervorzutreiben.
In Luzern fand ich die Todesnachricht von Frau Lenz. Ganz plötzlich. Beachte den Abbau meiner Weihnachtsfeiertage. Franke, dem es ordentlich geht, hat auch geschrieben. Eigent
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|lich schreiben alle, die davon wissen, dafür, viel entschiedener als ich, der es ja dann zuletzt machen muß.
Der Nachbar war Grisebach, keineswegs Zollinger.
Das Wetter ist umgeschlagen. Hoffentlich kann ich wenigstens nach der Rousseauinsel. R. war 50 Jahr, als er dorthin floh, und schon nicht mehr ganz richtig. Er ist dann auch nie mehr zur Ruhe gekommen. Er war ein écrivain und Wandervogel, ich aber bin ein Heimatmensch. Wie bitter sind doch diese Entwicklungen. Aber ich kann mir auch nicht helfen; es scheint mir auch wieder etwas Providentielles drin, eigentlich ein ganz deutlicher Wink. Was ist aber deutlich, wenn es nicht einmal die Stimme des Gewissens ist? Lies mal Platos Kriton (Reclam), der geht mir jetzt immer durch den Kopf. Was ist produktiv im etehischen Sinne? denn von Glück ist in keinem Fall die Rede.
Innigste Grüße
Dein
E.