Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 18. März 1934 (St. Gallen)


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St. Gallen, Sonntag 18.III.34.
(in den Gedenktagen.)
Mein innig Geliebtes!
Deinen lieben Brief habe ich in Winterthur erhalten. (Nach Biel hast Du doch hoffentlich nicht geschrieben?) Vielen Dank für die Mühe mit den Roseggerbänden. Schon Riehl hat immer sehr suchen müssen. Vielleicht heißt die Erzählung: Das Kaiserschießen oder Kaisers Geburtstag? Ich möchte diesen letzten Aufsatz für Deutschland noch auf der Reise gern vollenden. Die Offizierkreise interessieren sich so lebhaft dafür.
Nach der Rousseauinsel bin ich wieder nicht gekommen. Weder von Neuville noch von Ligerz ging ein Motorboot. Ich sah sie dann von oben (Tessenberg im Jura). Aber dort war unangenehm nasser Schnee. Am letzten Bieler Tage
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| war ich noch einmal beim deutschen Gesandten in Bern. Sie hatte mich zu Mittag eingeladen, weil gerade ihr Bruder, der Bildhauer v. Graevenitz, mit seiner Frau von der Solitude bei Stuttgart da war. Ein angenehmes Begegnen. Da ich die ganze Zeit wieder Zahnschmerzen hatte, mußte ich mit Z. in Zürich gleich einen Zahnarzt aufsuchen. Abends waren wir beide in der Dir bekannten Zunft, "Zur Zimmerleiten." Am 16.III. ließ ich mir einen sehr üblen Zahn ziehen, sprach mit Stettbacher und fuhr erst nachm. nach Winterthur. Die Aufnahme dort war unbeschreiblich warm und herzlich. Der Vortrag - in der Stadt von 50.000 - von 250 Leuten besucht; sehr verständnisvoll, großer Beifall. Nachher Beisammensein bis Mitternacht. Gestern war ich in dem bedeutenden Museum, Graffkabinett, Hodlers, Hallers, van Gogh etc. aß zu Mittag bei dem (ehemal. Minister) Dr. Sulzer (Maschinenfabrik, vornehmste Umgebung) u. sah dann noch die einzigartige
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| Privatgalerie Dr. Reinhardt, um die Du mich mit Recht beneiden würdest. Incognito traf ich hier ein und blieb den Abend allein.
Die schweren Gedanken verfolgen mich überall hin. Ich las hier wieder Zeitungen. Mir wird klar: die Notwendigkeit rückt näher. Man darf sie nicht einmal verpassen. Was das für eine Operation ist - für uns beide - fühlen wir wohl ohne Worte. Denn es ist damit ein andres Schweres verbunden, über das ich Dir heut schon schreiben muß. Die Sonntagsglocken beginnen eben zu läuten. Ich denke mir, daß Du eben in mein Herz hineinsiehst, wie Du es seit mehr als 30 Jahren tust, und ich bitte Dich: bleibe Du mir die vertrauteste Seele, die Du mir durch das Vermächtnis meiner Mutter bist.
Du wirst ahnen, daß der Weg nach Z. für mich kein Weitergehen, sondern zunächst ein Bruch ist. Ich werde dort hin kommen, wie ein Geschlagener, der seine
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| spärlichen Kräfte erst wieder sammeln muß. Irgend etwas muß ich zu retten suchen. Ich werde Susanne fragen müssen, ob sie mit mir geht. Sie hat die unsäglich schwere Zeit seit Ende April 1933 Tag für Tag beinahe mit mir durchkämpft. Ich kann sie nicht allein lassen. Und ein Band auf die Ferne gibt es mit ihr nicht. Was sie darauf sagen wird, weiß ich nicht. Aber ich will auch nicht von ihr heut reden. Sondern ich komme als Flehender zu Dir: Bleibe Du auch wie bisher in meinem Leben. Wir wollen, so verworren dies alles ist, unsre gemeinsame Welt festhalten, mit allem Tragischen, das zu ihr gehört. Wenn ich nach Deutschland darf, werden wir beide allein unsre Reichenau haben (sonst Ermatingen); wir werden allein zusammen sein, in Heidelberg oder in Begegnungen wie sonst. Und wenn wir uns schreiben, so ist das nach älterem, nach ältestem Recht - unser für uns
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| alleiniges Reich.
Du weißt, daß es Jahre gegeben hat, in denen ich als Mann schwer um einen Verzicht auf eine Seite des Lebens gerungen habe. Das ist nun vorbei. Von einem Jugendglück ist nicht mehr die Rede. Ich bin ein Altgewordener. Die letzten 14 Tage haben mich nicht nur äußerlich ganz grau werden lassen. Hier wird nicht mehr aufgebaut; hier werden nur Trümmer gerettet. Und wer da mitgeht, der hat auch nur Trümmer.
Ich will versuchen, mein Gewissen zu bewahren. Daß man es nicht ganz kann, daß man schuldig wird, habe ich oft erfahren. Du hast mich immer wieder entsühnt. Du bleibst die Heilige in meinem Leben. Ein schweres Los. Aber es ist Dein Los, und auch diesen Schmerz tragen wir gemeinsam. So bist Du denn natürlich auch die erste, zu der ich rede. S. weiß kein Wort
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Man lernt Gott im Dasein nur allmählich kennen. Ich habe in dieser Zeit mit ihm gerungen. Ich habe nicht gewollt; aber - so glaube ich: er stellt mir noch eine Aufgabe. Glaubte ich dies nicht, so wäre es recht, mich schon jetzt von ihm auflösen zu lassen. Und dies geschähe - ohne jeden frevelhaften Schritt von mir - [über der Zeile] von selbst wenn ich passiv mitginge.
Allerdings: den Kriton hast Du anders gelesen als ich. Der Kriton bedeutet: Bleiben. Daß Du ihn aber anders gelesen hast, ist eine innere Zustimmung aus Dir. Die Frage ist ja noch, wie sich alles entwickelt, und ob ich zu allem Kraft haben werde.
Wir müssen uns auf m. Rückreise unbedingt sehen. Halte Dich bitte bereit, falls ich wegen amtlicher Vorladung nicht über Heidelberg kommen kann, auf telegraphische Bitte mit mir an meiner direkten Linie irgendwo zusammenzutreffen. - Ich gehe jetzt zu Prof. Müller, Tannenstr. 52
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| (meine direkte Adresse ist Hotel Hecht, bis mindestens zum 20. früh.) und hole meine Post, unter der möglicherweise schon etwas Entscheidendes ist.
Noch einmal: geliebtes Leben! sieh in mein Herz; es ist keine Untreue gegen Dich in ihm. Von Dir kann mich nichts scheiden; es wäre der Abschied von mir selbst. Hilf mir durch dieses Leid, wie Du mir immer geholfen hast.
Ob ich meine Ersparnisse mitnehmen kann, hängt von den Verhandlungen ab. Das Haus bleibt ohnehin - ertraglos - zurück. Alles so anders, als gedacht. Ich fange noch einmal klein an. Aber dies alles macht mir keine Sorge. Nur erwähnt muß es auch werden, um zu kennzeichnen, um was es sich handelt: eine Operation auf Leben und Tod.
Schrieb ich Dir schon, daß am Tage meiner Abreise Frau Lenz plötzlich gestorben
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| ist? Die Welt hat für mich einen Schnitt zwischen 33/34 und dem, was etwa noch kommt. Ich fühle: was noch kommt, kann nur ein stilles, bescheidenes Dienen sein! Der Glanz ist fort. Es bleibt die ernste Pflicht.
Ist es nicht seltsam, daß dies St. Gallen gerade mit der Erinnerung an die Begegnung mit Carl Schmitt verknüpft ist? Er - wenn man so sagen darf, - treibt mich davon. Ich bin ein Flüchtling, wie man es sonst von alten Zeiten mit kühlem Verständnis gelesen hat. Ich fliehe zu Dir; da bleibt meine Heimat.
In der innigsten Gewißheit Deiner Liebe grüßt Dich in Liebe
Dein
Eduard.