Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 4. April 1934 (Berlin)


[1]
|
4.IV.34.
Mein innig Geliebtes!
Du wirst begierig sein, zu erfahren, wie die Sache weitergeht. Ich auch. Bisher ist nichts geschehen. Immerhin klärt es das Bild, daß Siegmund-Schulze inzwischen (unerwartet) seine Entlassung erhalten hat. Er hat mit sehr würdigen Worten darauf geantwortet.
Dein Osterprogramm war sehr belebt. Ich habe recht energisch gearbeitet, gehe aber auch jeden Tag spazierern. Am Ostersonntag war Franke mit Frau, von Niemöller kommend vormittags bei mir. Es geht ihm gut. Er hört nun auch schon aus anderen Quellen von der Sache. Nachmittags war ich mit Susanne, Frau Bon u. Marja im Babelsberger Park. Am 2. Ostertag mittags aß Margarete Thümmel bei mir. Sie ist doch solchen Gemütserregungen noch nicht ganz gewachsen. Überdies brachte sie mir gemäß der Verfügung von Dora meine Briefe und - wie sie sagte - Doras Tagebuch. Ich habe ihr gestanden, daß ich noch nicht in der Lage wäre, das Packet aufzumachen. Eigent
[2]
|lich ist in mir überhaupt ein gewisser Widerstand, in Tagebüchern mir nahestehender Menschen zu lesen - es sei denn in der verklärenden Distanz von Jahren. - Gestern kamen Frl. Wingeleit und Frl. Rauhut. Erst von morgen an werde ich mehr unter Menschen kommen: zu Oger und zur Seebergfeier.
Für das "Innere Reich" schreibe ich nebenbei noch einen Artikel. - In Gießen [über der Zeile] Darmstadt gehen undurchsichtige Dinge vor. Jedenfalls ist Dingler, den ich dorthin gebracht hatte, der Mann der Frau v. Korinth, pensioniert.
Das Hübscheste in diesem nicht sehr wohltuenden Zwischenstadium ist die kleine Blüte Marja. Es ist sehr schade, daß Du sie nicht so kennst, wie sie jetzt ist. Sie ist schon recht warm an mich attachiert. Hoffentlich reißen dringende Notwendigkeiten das nicht auseinander. Am 8.IV. hat sie Geburtstag; das gibt einen Kinderkaffee. Als ich sagte, ich würde aber nach der Morgengratulation ausreißen, war sie sehr betrübt, und ich werde wohl dableiben müssen.
[3]
|
Bei manchen Leuten hier finde ich so etwas wie eine Katastrophenstimmung. Vor allem sieht man wirtschaftlich sehr trübe. Ein Brief eines sich nach Deutschland zurücksehnenden Schülers in Amerika schilderte in trostloser Weise die dort gegen uns herrschende Stimmung. Endlich hat auch Adelheid geschrieben; es war nur Bummelei, sonst nichts. Hans ist - in Amalfi und schreibt wieder einmal die letzten Seiten seines Buches. Prof. Otto aus Prag, ein echter Patriot, war auch hier. Auch seine Nachrichten waren alles andere als rosig.
Die Sonne scheint unentwegt. Aber morgens ist es bitter kalt, und Regen täte sehr not, auch für Marjas Beete. Ihr Zeugnis war durchschnittlich, wie erwartet. Die Mutter fand es herrlich. Mehr habe ich für heut nicht zu erzählen. Der Dilsberg, wie wir ihn vor 10 Tagen sahen, steht vor mir. Er lebt in mir.
Ich grüße Dich in treuer Liebe.
Dein
Eduard.