Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 10. April 1934 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 10. April 34.
Mein innig Geliebtes!
Für Deine beiden lieben Briefe herzlichen Dank! Ich wünsche lebhaft, daß die Zahngeschichte sich wenigstens so weit beruhigt, daß Du die Rückkehr von Rösel Hecht einigermaßen schmerzlos abwarten kannst.
Du wirst Dir gedacht haben, daß ich schon geschrieben hätte, wenn sich das Leiseste ereignet hätte. Die Besprechung am Freitag galt ganz gleichgiltigen Dingen. Es handelte sich um die Frage, ob ich an einem päd. Kongreß in Kapstadt teilnehmen wollte, zu dem ich die Einladung schon Anfang Juli 1933 abgelehnt hatte. Ich sagte, die Veranstaltung sei mir zu sehr auf allgemeine Versöhnung gerichtet; auch wollte ich nicht wieder den ganzen Sommer aussetzen. Nun werden sie wohl einen anderen suchen und dann erst bemerken, daß sie garnichts zu "schicken" haben, sondern daß man zu dieser
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| Sache nur - eingeladen werden kann. Den anderen Punkt habe ich (nach Frankes Rat) nicht vorgebracht. Wohl aber habe ich Herrn v. W. in Bern gebeten, einmal festzustellen, wo die Angelegenheit eigentlich hängen geblieben ist.
Privatim ereignet sich auch sonst nichts. Meine Post ist groß, weil die amtlichen Geschäfte laufen und viel Ostergrüße kamen. Aber sonst spiegelt auch sie die allgemeine geschäftliche Lähmung. Ich bin fast jeden Tag bei der schönen Sonne etwas spazierengegangen; habe aber auch jeden Tag ein großes Pensum Lektüre erledigt. 600 S. Nicolai Hartmann, 300 Seiten Wach; jetzt bin ich bei Litts "Einleitung in die Philosophie", die ein reifes Werk ist; ich lerne daraus auch für meine Zwecke allerhand. Den Geburtstag von Marja haben wir schon Sonnabend Abend gefeiert (mit einer kleinen Armbanduhr), weil ich doch nicht die Stimmung hatte, das kl. Kinderfest im Hause mitzumachen. Marjas stille Freude war wieder sehr niedlich. Sie hat durchaus schon ihre innere Welt. Herzlichen Dank, daß Du auch gratuliert hast! (An Vater Welte werde ich denken,
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| wie ich jetzt besonders lebhaft an die Reichenau denke.) Heut Nacht hat hier ein sehr starker Regen eingesetzt.
Die allgemeine Entwicklung bestärkt mich im positiven Entschluß. Denn das "Abwarten" des Ziegenbocks ist eine unsichere Sache. Ich rechne dabei auch für meine Person mit dem finanziellen Rückgang in größtem Ausmaß. Das darf nicht hindern. Denn was ist Geld, wenn man nichts hat, wofür man tätig leben kann. In den letzten Tagen war es wieder sehr wichtig, die N.Z. zu lesen. Schacht ist in Basel. Daß man von seinem bevorstehenden Rücktritt munkelte, schrieb ich wohl schon.
Ich komme sehr wenig unter Menschen. Auch aus Vorsichtsgründen. Weder T noch Sch.O. habe ich bisher aufgesucht; Der ganze Zustand ist nicht erfreulich; aber ich bin doch ruhig genug, vorläufig, um zu arbeiten.
Weiter wüßte ich heute nichts zu berichten. Daher Schluß mit vielen herzlichen Grüßen!
Innigst Dein
Eduard.