Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 12. April 1934 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, 12. April 34.
Mein innig Geliebtes!
Du wirst bei der schnellen Folge meiner Briefe wohl annehmen, es habe sich etwas ereignet. Aber es rückt und rührt sich nichts. Stattdessen bin ich wieder einmal so weit unten, wie es nur möglich ist. Gestern früh kam wieder eine höchst fatale Zuschrift von Q. u. M. in Sachen der "Erziehung". Ein Volksschullehrer X in Bauschlott bei Pforzheim hatte sich über die Gründe geäußert, warum er die Zeitschrift abbestellt habe. Angeblich wegen: Zwischenstellung und weil die Herausgeber selbst nicht mehr zu Worte kämen. Das zweite ist notorisch falsch. Das erste ist unvermeidlich. Wir haben noch 1500 Abonnenten, m. E. sehr viel. Andere Blätter müssen längst um Zuschuß von der Notgemeinschaft bitten. Wie sollen wir aber bei der Haltung des Verlegers - schon bei der Tonart seiner Briefe - die Sache weiter durchhalten. Es wird gehen
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| wie bei der "Voß." Frl. S. meinte leichthin, man hätte bei der unabhängigen Stellung bleiben sollen .....
Nachmittags kam unerwartet und zum ersten Mal T. Er beurteilt die Lage ebenso, verstand durchaus, bedauerte natürlich. Unmittelbar nach ihm kam mein ehemaliger Assistent Giese. Er erklärte, er und meine jüngeren Freunde würden es als "schwere Enttäuschung" hinnehmen, wenn ich ginge. Die Lage, die er nicht zu kennen scheint, beurteilt er anders. "Die Struktur des gegenwärtigen Staates legt dem <gestrichenes, unleserliches Wort> [über der Zeile] Einzelnen ein solches Maß persönlicher Verantwortung nicht auf". Da liegt die Differenz. G. allerdings braucht mit seinem Namen nichts zu decken. Bei mir ist das anders. Aber das Schlimmste ist: es besteht tatsächlich ein unheilbarer Bruch zwischen der Denkweise der jüngeren Generation bis in die 30er hinein und mir.
"Diese Fahne", sagte er, auf ein Heft der Erziehung deutend, "wird dann eingezogen werden". Als ob sie es nicht schon würde!
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| Ich hätte nur Flitner und Nohl preisgeben müssen, dann - angeblich - wäre die Zeitschrift in Blüte geblieben. Die alte Melodie des Wallner- Giese-Kreises. Wo stehen die Leute nun eigentlich? Heut haben sie allerhand Bedenken, morgen sind sie dabei! Heut soll die Schule und Erziehung aus evangelischem Geiste gestaltet sein, morgen beziehen Sie den offiziellen kirchlichen Kurs .....
Ich bin mit einem Druck auf dem Herzen aufgewacht und bin so müde, daß ich von all den Kämpfen am liebsten weltenfern wäre. Was ist zu verteidigen, wenn die Jüngeren angeblich "mein Werk fortsetzen wollen", in Wahrheit aber die Gesinnungmacherei mitmachen? Wohin steuert das alles? Wenn ich hier bleibe, gehe ich moralisch ein; wenn ich fortgehe, aber auch. Es gibt keinen Platz für mich mehr in der Welt. Der Bruch zwischen den Generationen ist zu stark.  -
Heute will ich an dem üblichen Essen der Deutschen Akademie teilnehmen, bei dem der Reichsminister Schmitt spricht. Ich werde an seinem Tisch sitzen. Nachher ist Ak. d. Wiss.
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| mit allerhand lästigem geschäftlichem Zeug. Morgen halte ich meinen - nicht ungefährlichen - Vortrag in der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. Falls Litt nicht verreist, möchte ich mich am Sonntag mit ihm in Wittenberg treffen.
Genug der Klagen! Ich grüße Dich herzlichst.
Dein
E.