Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 17. April 1934 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 17. April 34.
Mein innig Geliebtes!
Erwarte nichts von Belang. In der Hauptsache ist nichts weitergerückt. Ich weiß nur via Bern, daß die Anfrage von dort abgegangen ist. Wo sie liegt, warum sie da liegt??
Am Donnerstag saß ich bei dem wöchentlichen Treffen der Deutschen Akademie, das übrigens von Hunderten besucht war (ich habe das s. Z. nicht erreichen können) zwischen Seldte und einem Präsidenten Dreyse. Außerdem saßen an dem Tisch der Reichswirtschaftsminister Schmitt, Hr. v. Stauß, ein Präsident X und der Minister Stieve (Direktor der Kulturabteilung im A.A.) Mit Seldte kam ich über ein paar freundliche Ansätze erst hinaus, als wir das Thema Weinsorten gefaßt hatten. Er notierte sich nur, daß ich bei der Kulturabteilung des verstorbenen <Name unleserlich> mitwirken wollte. Die Rede des sympathischen Ministers Sch. ging um alles Wesentliche herum, das
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| zu hören man gekommen war. Vor dem Essen redete mich Stieve an, man hätte wieder ein Attentat auf mich vor - es war aber nur Kapstadt. Während des Essens entschloß ich mich, ihn nach Tisch direkt zu fragen. Er wußte von nichts. Ich gab ihm ein paar Lichter mit, die er - trotz meiner wenigen Worte - sofort unverkennbar verstand. Unter vielen anderen traf ich dann noch Schmitt-Ott, dem ich gleichfalls die Mitteilung machte. Er war erschüttert u. lud mich gestern Abend zum Butterbrot ein. Schließlich ging ich noch mit einem alten Angestellten meines Hausherrn ein paar Schritte. Er entwickelte liebliche Bilder vom Betrieb.
In der Akademie hatte ich viel Plage mit der Kantausgabe. Auch Franke war wieder da. Am Freitag wurde ich mit Mühe und Not mit m. Vortrag: "Das Standortproblem in den Geisteswissenschaften" fertig. Planck mußte mitteilen, der Vortrag habe so großes Interesse gefunden, daß wir in den großen Saal umziehen müßten. Anwesend war Elite: u. a. General v. Cochenhausen, Präsident Simons mit Frau, Staatsfinanzrat v. Dungern mit Frau (Villa Illaire), Schmitt-Ott mit Frau u. Schwiegertochter, Exc. Lewald,
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| Hr. v. Mendelssohn, Lietzmann, Rabel, Petersen alle mit Frau. Ich sprach leider etwas lange und zum Schluß sehr eilig, vieles überschlagend, hatte aber einen ungeheuren Erfolg. Schon die (privaten) Worte der warmen Zustimmung u. des vollen Sachverständnisses von Planck waren mir eine tiefe Freude. Herr Stinnes (s. Brief) kam noch am nächsten Tag darauf zurück. Exc. Lewald suchte mich für einen der 4 internationalen Vorträge bei der Olympiade 1936 zu engagieren. Die Photographen und Reporter drängten sich. Der anschließende Gesellschaftsabend war sehr stark besucht. Ich saß zwischen Planck u. Frau Lietzmann. Bei dieser Gelegenheit fragte mich Planck, ob ich nicht meinte, ich hätte damals (als ich ihn besuchte) den durchaus richtigen Entschluß gefaßt. Ich antwortete: alles andere als dies und erzählte ihm. Rührend war, wie offensichtlich er bekümmert war (wie er überhaupt den ganzen Abend eine unbeschreibliche Herzlichkeit zeigte. Er riet entschieden ab: die großen Auseinandersetzungen (die er als schrecklich beurteilt) kämen erst. Aber - vorläufig müsse man bleiben und still sein.
Sonnabend hatte ich allerhand Besuche, u. a. einen verständigen Kulturredakteur
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| vom lieben Lokal-Anzeiger. Sonntag [über der Zeile] Nachm. war ich kurz mit Susanne im "Gebirge", nämlich im Fläming bei Trebbin, nicht weit von Siethen. Gestern kam Brosius. Er versteht meine Situation besser als G: sie habe die Grenze des Erträglichen überschritten. Gestern abend war ich bei Sch.-O., nach dem Abendessen mir ihr (geborener Züricherin) und ihm ganz allein. Beide sehr lieb und teilnehmend. Er, obwohl die Lage wie ich beurteilend, durchaus für Standhalten - es müsse doch einmal wieder anders werden. Sie viel stärker meine Gründe neben seinen anerkennend, obwohl sie die Kleinheit von Z. kennt.
Ich arbeite inzwischen geduldig und lese H. Maier, der nicht gerade zum endlosen Blühen in der Sommerluft draußen paßt. Heut nachm. wird Anneliese Maier kommen, abends bin ich bei H. v. Mendelsohn eingeladen.
Auf Marjas Tisch lag eine Karte an Dich, ein wares Sudelwerk mit burschikoser Ausdrucksweise. Sollte sie das abgeschickt haben, so gibt es von ihren Vorzügen keine Vorstellung.
Herr v. Pechmann, alter Freund Kersch.s soll aus der Kirche ausgetreten sein, aus Protest. Die Stimmung in Amerika sei grauenhaft. Wie wir sie verbessern, zeigt Dir die Mitteilung von
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| Prof. Otto - Prag. - Die v. Buttmann gezeichnete "Völkische Kultur" teilt in einem Rundschreiben mit, daß die Bezieherzahl noch allzu gering sei und daß man werben möge. Die "Erziehung" mit ihren 1500 steht da noch glänzend.
In dem zweiten Deiner lieben Briefe gibst Du mir philosophische Tröstungen. Gewiß, die innere Welt kann uns nicht geraubt werden. Es kommt aber darauf an zu handeln. Und leider ist es so, wie Du schon früher schriebst: handeln kann man doch heut nur auf eine Art. Ob man im A.A. zögert, damit die Sache nicht in die Hände von R. fällt, über den die Urteile immer ungünstiger lauten? Aber man will doch in Zürich eine Entscheidung haben. Übrigens soll auch der Völk. Beob. einen langen, nicht feindseligen Bericht über m. Vortrag gebracht haben.
Du siehst - alles noch ungeklärt. Ich wünsche Dir alles Gute zu der inhaltvollen Woche. Heute wirst Du auf der Strahlenburg sein. Ich denke immer an Dich.
Innigst Dein
Eduard.

[] Litt ist in Bozen.