Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 30. April 1934 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 30. April 1934.
Mein innig Geliebtes!
Die schlechten Nachrichten über Dein Befinden haben mich sehr ergriffen. Abgesehen von den Zähnen ging es doch in letzter Zeit erträglich. Wo kommt nun wieder der Hexenschuß her? Hast Du Dich in der so stark besetzten Woche zu sehr angestrengt? Bitte schreibe mir eine Karte, ob die Zahnangelegenheit in Ordnung gekommen ist und wie es Dir sonst geht.
Aus Sympathie lasse ich mir heut Nachm. den letzten Backenzahn rechts unten ziehen. Es muß da nun auch ein Ersatzstück begonnen werden.
In der Hauptangelegenheit hier rückt und rührt sich nichts. Indirekt ist von Interesse, daß Dessoir schon im Sommer nicht mehr liest und als Nichtarier auch in der Fakultätssitzung nichts zu suchen hat. W. Köhler hat mit dem Rektor und der Studentenpolizei Krach
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| gehabt und die Leitung des Instituts niedergelegt. Er hat Lust, ganz auszuscheiden. Dann bleiben also Bäumler und Hartmann.
Auch sonst hat sich nichts ereignet. Ich lese einen dicken Wälzer nach dem anderen. Eben bin ich mit Jaspers, Philosophie Bd 1. fertig geworden; es sind aber 3 Bände. Die Vorlesungen beginnen erst am 7. Mai; in jeder Vorlesung komme ich vor Pfingsten auf 3 Stunden. Aber die Gesamtanlage ist mir heute noch bei beiden nicht klar. Das Wetter ist ununterbrochen herrlich. Schon alles belaubt, die Kastanien blühen - wohin führt diese Verfrühung. Hat man nirgends mehr Maße für das Tempo? - Es kommt gelegentlich ein Kaffeebesuch; ich habe Frau Maier, Frau Arnthal u.s.w. besucht, lebe aber sonst ganz zurückgezogen. - Der Kolonos von Eberhard König ist doch eine tiefe, bedeutende Dichtung. Er wird morgen zu mir kommen, da ich zum Schluß noch etwas zu bemerken habe. Natürlich - schaut auch etwas dabei heraus.
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Am 27.IV. war der 90. Geburtstag von Riehl. Anscheinend zufällig erhielt ich an diesem Tage einen langen, diesmal sehr klugen, fein das Richtige treffenden Brief von Lore.
Auf allen Kriegsschauplätzen steht es schlecht. Das Außenpolitische u. das Wirtschaftliche steht ja nun schon in unseren Zeitungen. Die evangelische und katholische Krisis fressen weiter. Von Niemöller hier liest man nichts mehr.
Ich habe für "Das Innere Reich" einen längeren Aufsatz geschrieben. Die beiden sympatischen Herausgeber freuten sich ebenso, wie sie unglücklich waren, 2 Stellen geändert zu wünschen. K. B. v. Mechow ist auch "durch persönliche und allgemeine Leiden an den Rand der Erschöpfung gebracht." Ich habe ihn getröstet: tout comme chez nous.
Schrieb ich schon, daß die eine Schwester von Frau Seitz, Frau v. Glasenapp in Berlin gestorben ist? Die Rede am Grabe hielt der Pfarrer Kirmß, mit der gleichen Frische, wie er vor 40 Jahren sprach. Schade, daß ich ihn nicht s. Z. gebeten habe, am Sarge meines Vaters zu sprechen.
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Jetzt ist wohl das Wichtigste erzählt. Jedenfalls muß ich wieder an die Arbeit. Ich bitte Dich, mir genau die Bezeichung Deines Sparkassenbuches mitzuteilen, damit ich noch etwas senden kann.
Von Herzen hoffend, daß Dich der Brief schon bei besserem Befinden antrifft, bin ich mit innigen Grüßen
Dein
Eduard.