Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 3. Mai 1934 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, 3. Mai 34.
Mein innig Geliebtes!
Es ist unablässig das herrlichste Wetter. Aber in mir sieht es zunehmend düsterer aus. Ich sollte die freie Zeit noch sehr zum Arbeiten benutzen; denn am Montag fangen wir an. Aber ich kann nicht mehr; die psychische Spannkraft fehlt.
Daß Du 4 Zähne ziehen lassen mußtest, erklärt zur Genüge Deinen erschöpften Zustand. Möge er sich doch bald bessern. Natürlich finde ich es sehr schön, wenn Du noch einmal versuchst, Caecilie einzuladen.
Am Sonnabend hat sich Frl. Carillo, am Sonntag Herr Oelrich von mir verabschiedet. Sonntag Nachm. habe ich eine Stunde auf dem Wannsee mit Susanne gerudert. Seitdem hatte ich Besuch von Wolfgang Köhler und den Dichtern Eberhard König und Alverdes. Immer dasselbe Bild. Ebenso aber will mir umgekehrt scheinen: die Jugend verliere ich zunehmend. Die lebt sich eben in den Stil ihrer Gegenwart
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Gestern, Mittwochsgesellschaft beim preuß. Finanzminister Popitz, saß ich eine Zeitlang neben dem Rektor, der ja wohl auch muß. Er erzählte, in seinem einjährigen Rektorat habe er jetzt den 5. Führer der Studentenschaft. Jeder habe irgend etwas <unleserliches Wort> und sei zum Schluß gefangen gesetzt worden. Trotzdem läßt man die Studentenpolizei bestehen, die den Koll. Köhler immer wieder chikaniert.
Was der Ressortwechsel bedeutet, läßt sich nicht übersehen. Vahlen war eine Verbesserung, relativ gesehen.
Ich weiß jetzt nicht mehr vorwärts noch rückwärts. Wenn nicht objektive Ereignisse die Sachlage klären, so gibt es für mich keine Lösung, an der ich nicht schließlich kaputt gehe.
Dank für die Briefe. Meine Post enthält Berufliches im früheren Sinne (Fragen von Studenten, wissensch. Anfragen etc.) überhaupt nicht mehr.
Ich grüße Dich innigst mit 1000 guten Wünschen
Dein
Eduard.

[] Litt hat sich in Meran zuletzt den Oberarm gebrochen u. <re. Rand> kann das Semester nicht anfangen.