Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 12. Mai 1934 (Berlin/Dahlem)


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12. Mai 34.
Mein innig Geliebtes!
Ich beginne mit dem Bericht über die wichtigsten Tagesereignisse. Die erste Sprechstunde vor Beginn der Vorlesungen machte einen geradezu trostlosen Eindruck. Es meldeten sich nur 7 Leute für die Übungen an. In den Vorlesungen selbst war das Bild besser: Montag, Einl. in die Geisteswiss. (ein Kolleg nur für Feinschmecker) 350 Hörer, Dienstag, (Grundfragen der Metaphysik) fast 450 Hörer. Alles macht einen ruhigen Eindruck - bis jetzt. Gestern habe ich auch die Übungen begonnen und es dabei auf 37 Mitglieder gebracht (voriges Semester 100.) Der Kollege Wichmann hat - 1. Es ist nun wieder viel zu tun, und bis zum 1.VIII. wird es wohl keine Atempause geben.
Besucht habe ich Tigges und Franke. Bei mir war am Himmelfahrtstage der Oger. Franke riet (auf meinen langen Brief mit all meinen Nöten pro und contra) entschieden zum Gehen, mit ebenso ernsten Gründen, wie der Oger entschieden zum Bleiben riet.
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| Inzwischen verbreitet sich das Gerücht immer weiter. Die halbe Fakultät weiß es, nur anscheinend die maßgebliche Stelle nicht. Was Steiger erzählt hat - ich verstehe manchmal Deine Andeutungen nicht ganz sicher - ist wohl auch nur Gerücht. Ich habe aber, nach einigem Schwanken, Z. gebeten, an amtlicher Stelle mitzuteilen, daß noch immer nichts an mich herangetreten sei und daß es wohl an der Zeit sei, zu mahnen. Denn in Z. kann man schwerlich über Ende Mai hinaus warten.
Was die allgemeine Lage betrifft, so wird sie immer unklarer. Gerüchte in Fülle, die die Regierung als Gefahr erkennen müßte und die eben doch die unvermeidliche Folge der fehlenden Presseberichtserstattung sind. Hindenburg soll recht krank - mindestens gewesen sein. Weitere Einzelheiten eignen sich nicht zur Mitteilung. Es ist keine Linie mehr erkennbar; die Verwaltung stockt an vielen Stellen, die Hauptsache im Moment ist die Devisenfrage, und darüber darf auch nichts geschrieben werden.
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Ich lasse auf das Sparkassenbuch der Städtischen Sparkasse in den nächsten Tagen 500 M überweisen, für Dich, nicht für mich. Es ist ratsam, Stoffe, Stiefel und dergleichen jetzt zu kaufen. Die Preise sollen ja nicht höher werden dürfen, aber die Bestände sollen knapp werden, und es kann eine Weile dauern, bis die Ersatzstoffe da sind. Ich habe auch einiges angeschafft.
Am Dienstag nach Pfingsten Mittag muß ich nach Halle fahren; dort habe ich am Mittwoch um 3.30 den Hauptvortrag zu halten, der mir viel Kopfzerbrechen macht. Am Donnerstag Mittag fahre ich nach Weimar weiter zur Goethegesellschaft (Elefant.) Am Sonntag nach Pfingsten gegen Mittag muß ich wieder zu Hause sein.
Sonnabend vor Pfingsten treffen wir uns bei Oger. An einem der Feiertage kommt vielleicht Marg. Thümmel.
Du bist also jetzt ohne den Vorstand. Ob Caecilie Oesterreich kommen wird? Dieser Frühling ist ja herrlich, aber die Schönheit scheint in eine allgemeine Weltdürreperiode auszulaufen. Wie ist es mit Deinen Zähnen und dem sonstigen Befinden?
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| Ob ich vor Pfingsten noch ausführlicher schreiben kann, ist leider unsicher. Ich habe 8 Stunden Staatsexamen und 3 Stunden Doktorprüfung zu dem Sonstigen in der nächsten Woche, außerdem Mittwochsgesellschaft. Alle Zeit und Kraft muß ich auf den Kantgesellschaftsvortrag verwenden.
Der alte Musikprofessor Friedländer, ein sehr liebenswürdiger Mensch, ist mit 82 Jahren gestorben; eine zahlreiche Trauerversammlung war da. Hingegen wird die alte Exc. v. d. Leyen, die ich gestern in einem Vortrag der hiesigen Kantgesellschaft traf, demnächst 90 Jahre.
Aber ich muß wieder an die Arbeit. Viel innige Grüße und Wünsche
Dein
Eduard.