Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 14./15. Mai 1934 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, 14. Mai 1934.
nach langem Arbeitstag -
zweimal in der Stadt.
Mein innig Geliebtes!
Die Antwort von Z. bringt mancherlei unerwartete Aufklärungen. Die Anfrage hat ihr Ziel erreicht. Man hat aber dort geantwortet, daß kein Anlaß bestünde, die Initiative zu ergreifen. Der Ruf soll mal erst an das betreffende Individuum ergehen. Ist das nicht nur formale Korrektheit, so heißt es: wir wollen ihm das Fortgehen nicht erleichtern.
An sich brauchte man ja also nur aus Z. an mich zu schreiben - einen sog. ostensiblen Brief. Nun aber stellt sich heraus, daß der "Ruf" wirklich nicht perfekt war, daß es sich nur um eine Voranfrage handelte. Es fehlt im Ursprungslande noch eine dritte Instanz. Diese hat nicht nur noch nicht gesprochen, sondern zögert unter außerpersönlichen Bedenken. Entscheidung frühestens am 1. Juni.
Ich muß nun sagen, daß das reichlich
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| seltsam ist. Das "Faktum" ist überall gerüchteweise verbreitet. Aber es ist noch gar kein Faktum. Sondern man hat nur gemeint, jene hochoffiziellen Instanzen sollten meinen Gemütszustand erkunden. Das lag weder in der Fassung des gelben Blattes von Luzern, noch in meiner Auffassung. Mit solchen Dingen kann man die obersten Behörden kaum bemühen.
Es ist also in 2½ Monaten bisher nichts geschehen. Eigentlich hat die Schw. ein unausgebrütetes Ei begackert. Die einzige tatsächliche Wirkung kann die sein, daß man hier weiß: der Mann ist begehrt, und möglicherweise im Aufbruch. Das gewährt Schutz und erzeugt ebensoviel Mißtrauen. Es ist ebenso nützlich wie schädlich. Aber nach meinem Gefühl doch mehr nützlich, wenn auch nur in der "abschreckenden" Wirkung hier.
Heut nachmittag hatte ich mit B.-r zusammen beim Staatsexamen zu wirken. Eine schlechtweg unerträgliche Atmosphäre; noch schlimmer als mit H. Der Mensch ist so
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| absolut unbegabt, in erster Linie pädagogisch unbegabt, außerdem so tief an Minderwertigkeitsgefühlen krank, daß er einen jammern könnte, wenn er nicht der große Mann wäre. Auch hier also alles unecht und verschoben. Man sitzt aber dabei als der gerade noch geduldete bescheidene Untergebene. Ich halte so etwas physisch und moralisch nicht mehr lang aus. Dann fühle ich immer: nur weg, nur Luftveränderung.

15. Mai 34.
Viel Neues ist heut nicht hinzuzufügen. Die Vorlesungen haben sich noch weiter aufgefüllt und laufen ganz gut. Da ich heute, wie gestern, 4 Stunden Staatsexamen habe, bin ich über Mittag in der Stadt geblieben. Erst war ich bei Lubowski, der nun ein Unterstück anfertigt, dann fuhr ich zu Borchardt und hatte das Glück ihn zu treffen. Morgen fährt er nach Helgoland. Das Verstehen des 82jährigen aus der Ferne, diese Weisheit überhaupt hat etwas ungemein Wohltuendes. Gesundheitlich geht es ihm ganz ordentlich.
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Ich muß nun schließen und bitte Dich nur noch, den jungen Steiger zu grüßen.
Alles Liebe und Gute
von Deinem
Eduard.