Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 26. Mai 1934 (Weimar)


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Weimar, den 26. Mai 34
Mein innig Geliebtes!
Ich sitze wieder im Elefanten, diesmal aber ist der Park grün; nur die Kälte ist regelwidrig. Gestern Nacht erhielt ich mit Freude die Dilsbergkarte. Indirekt erschließe ich aus ihr, daß Caecilie doch nicht da war.
Mein Bericht: Sonntag zu vieren in der Meierei. Montag nichts unternommen. In beiden Tagen wurde das 40 Seiten starke, inhaltlich schwere Ms. für Halle gerade noch fertiggestellt. In Halle traf ich um 6 Uhr am 3. Feiertag ein, wohnte in Stadt-Hamburg und gedachte auch dieser unsrer "Winterreise." Abends Begrüßung. Viel Bekannte, darunter [über der Zeile] Driesch Leisegangs, auch einige neue sympathische Figuren. Die Tagung war durchschnittlich von 150-220 Teilnehmern besucht. Natürlich kein Ausländer. Nach der schweren Krisis immerhin ein Erfolg. Mein Vortrag fand am Mittwoch nach dem gemeins. Essen um 3.30 Uhr statt. Er wurde mit entschiedenem Beifall aufgenommen. Der Inhalt war auch recht substantiell. Da ich das Ms. vor mir hatte u. las,
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| wie es die übrigen auch taten, war die Aufregung nicht zu groß. Das wichtigste Stück wurde der Empfang am Abend beim Oberbürgermeister im historischen Rathaus. Der neue Stadtchef scheint ein wenig über 30. Umgeben von braunen, schwarzen u. grauen Notablen hielt er eine "grundsätzliche" Rede über die Gewinnung der Geistigen, voll Verständnis für die Schwierigkeiten u. Bedenken, aber ein wenig auch werbend u. drohend (wobei ganz offen vom momentanen Rückschlag die Rede war.) Ich dachte sogleich: "Lehrste mir, lehr' ick dir". Menzer als Vorsitzender antwortete tapfer u. würdig, hat mir überhaupt gut gefallen. Auf ausdrückl. geäußerten des OB sprach dann auch ich, faßte ihn mir scharf ins Auge, rückte ihm (scheinbar unbewußt) auch räumlich immer näher auf den Leib. Hauptpunkte der glücklich improvisierten Rede: der Gegensatz von Geist und Macht sei falsch konstruiert; und: der Bewegung könne nur mit aufrechten Männern gedient sein, Persönlichkeiten, im Sinne der Lehre Kants. Zum Schluß verpflichtete ich ihn durch Blick und von mir dargebotenem Handschlag. (Die erste Gelegenheit zu solcher Aussprache; anscheinend Wink von Berlin; zunehmende Unsicherheitsspuren.) Nicht nur der OB
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| war ganz befriedigt, sondern auch der Sendbote des Völk. Beob. fiel sogleich entzückt über mich her (und suchte dann die größere Hälfte der Schuld dem unglückseligen Gestirn Hermann Wirth zuzuschieben.) Nachfolgend Serenade in dem Hof der Moritzburg. Ich kam noch einmal neben den kleinen Regenten zu stehen; er sagte: das Ressentiment auf beiden Seiten müsse überwunden werden. Meine Prophezeiung, daß nach solchen Höhepunkten in der Idee sogleich der <Wortteil unleserlich>punkt in der Realität folgt, bestätigte sich sofort. Es wurde während der ganzen Tagung hinter der Szene intrigiert. - Bis Mitternacht blieb ich dann noch mit Stenzel zusammen, der bekanntlich "ein Fall" ist, obwohl er nicht weiß, was gegen ihn vorliegt.
Donnerstag: ½ 9 Sitzung 10 Vortrag v. Leisegang (1 ½ Stunden) 12 Jagt zu Herchenbach wo ich m. Patenkind Hugo Wolfgang zum 1. Mal sah. 13.40 Abfahrt nach W., am Bhf von Schulrat Dr. Gans eskortiert. Eine Wurst war m. Mittagessen. Hier Sitzung von ½ 4 - 7. Sehr kalt. Bis 12 mit Petersens, Kippenbergs, Bertram etc. Gestern früh wieder Sitzung. Nachm. Sitzung 4-6. v. Molo ist da; persönlich immer entzückend. Es sprach bei der letzten (öfftl.) Sitzung ein Vertreter v. Heß. Ganz ohne Spitzen, so, wie wir es alle meinen, hoffen,
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| leidenschaftlich ersehnen. Ich ging dann mit ihm, v. Molo und dem Vertreter aus der Göbbelei in den Fürstenkeller. Dieser letztere nun (ein Hörer von mir) war ein Gemisch aus Nichtigkeit u. Wichtigkeit. Er stand gegen uns 3 mit seinem Kram allein. Um ½ 8 Aufführung des Tell; seltsames Stilgemisch, im ganzen mißlungen. Aber das Stück ist nicht totzukriegen. Bis 1 saßen wir dann noch in der Stadthalle (wo wir saßen: sog. "endlose Straße." Der arme alte Planck hielt auch so lange aus. Ich mußte ihn schließlich befreien. - Beim Aufstehen bin ich immer der erste. Vielleicht besuche ich vor Bertrams Vortrag noch Kirmß. Nachm. ½ 3 mit Autobussen nach Rudolfstadt. Morgen besuche ich kurz Litt. Auch B. Schwarz hoffe ich zu sehen. Um ½ 7 möchte ich in Berlin sein. Montag ist bereits Kolleg.
Dies mein Bericht. Du siehst: ein paar Streifen von Morgenrot, aber ich halte das für - Notstreifen u. ziehe keine Schlüsse daraus.
Wie war Deine Pfingstwoche? Vor allem hoffe ich: ohne Schmerzen! Hast Du festgestellt, daß die Überweisung eingetroffen ist?
Innigen Elefantengruß
Dein Eduard.

[re. Rand] Die Luthergesellschaft in Dorpat hat mich zum Ehrenmitglied ernannt