Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 9. Juni 1934 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 9. Juni 1934.
Mein innig Geliebtes!
Ich habe seit Weimar nicht mehr geschrieben, weil ein verständlicher Brief Stunden erfordern würde und weil viele Terminarbeiten, wie stets im Semester, bevorzugt werden müssen. Heut will ich wenigstens das Wichtigste schreiben. Ich bin in wenig optimistischer Stimmung. Das Gesamtbild ist ungünstig.
Köhler hat vor 3 Wochen um seine Pensionierung gebeten, weil man ihm einen unentbehrlichen Studenten Assistenten, ohne ihn zu fragen, gekündigt hat. Damit verquickt ist ein Streit mit dem Rektor und Bieberbach, der recht unerfreuliche Seiten im heutigen Universitätsleben aufdeckt. Sonntag Vorm. waren Studenten bei mir, die K. einen Fackelzug bringen wollten - auf alle Gefahren hin. Es scheint nichts daraus geworden zu sein. Nachmittag war ich bei K. selbst - im Walde bei Neubabelsberg. Seitdem habe ich nur gehört, daß die Sache schlecht läuft. "Er könne doch dem Minister keine Bedingungen stellen".
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Die Hauptangelegenheit scheint zu versanden. Ich hatte einen kurzen, nur halb verständlichen Brief. Die Ursachen sind politisch. Regelmäßige Lektüre zeigt, daß man sich dort immer entschiedener vom Nachbarn distanziert. Die Angelegenheit bleibt in der Schwebe. Es ist die Frage, ob man - minimal - nachhelfen soll. Frl. Besser, die neulich hier war, und Frl. Lampert (die ich mit Erika Schwörer im Sch-schen Hause traf) sprachen leidenschaftlich gegen solche Pläne. Ich habe aber gestern etwas bemerkt, was mich anders stimmte.
Franke ist im Riesengebirge. Feilchenfeld ist aus dem Beruf herausgeworfen. Erman hat, als halbarisch, ebenso wie Dessoir, nicht mehr das Recht, die Fakultät zu besuchen. Dieser Genuß ist allerdings nicht groß.
Das Ministerium braucht mich mal wieder fürs Schaufenster. Ich soll Anfang Juli an einem Ferienkursus (für deutsch-polnische Lehrer!) in Danzig mitwirken. Er soll nicht rein in der Wolle gefärbt sein. Ich habe soeben zugesagt, sehr ungern, aber im voraus gebeten, mich gegen unbegründete Denunziationen und
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| ähnliche Folgen, wie sie die Besucher des Warschauer Historikerkongresses getroffen haben, zu schützen. (Bei dieser Gelegenheit zu Deiner Frage: W. Henning scheint v. D. fort. Ich wurde in Weimar über die Nachfolge befragt.) Der vorjährige Berater aus der Archivstraße hält unsre Ostmethode für verfehlt. Er selbst ist nun außer Kurs.
Gestern im Seminar hatte ich den (noch nicht bewiesenen) Eindruck, daß ein brauner Stoßtrupp hineingesandt ist, der die Sache sprengen soll. Allgemeiner Programmpunkt. Vor dem Kampf scheue ich mich nicht. Ich verabscheue aber ein solches Verhältnis zwischen Dozenten und Studenten. - Beide Vorlesungen sind bisher voll und konstant besucht. Man hält sie meistens bei Militärmusik draußen.
Die Berichte über H. haben viel Aufsehen erregt. Frau Lampe, Wachsmuth u. a. haben mir gratulieren zu müssen geglaubt. Den Brief vom Vorstand lege ich Dir vertraulichst bei. Die Berichte haben manches Entscheidende weg gelassen. Den Referenten des B.T. habe ich darüber sehr offen zur Rede gestellt.
Eine allgemeine gestrige Zeitungsnachricht gibt sehr zu denken. - Man ist mit den meisten einig. So z. B. mit Ruth Wallroth, jetzt verheiratet u. Mutter, die ich neulich hier
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| bei ihrer Mutter besuchte.
Du fragst nach Marja. Sie leidet unter meinem Zeitmangel und der (latent) gedrückten Stimmung im Hause. Von Zeit zu Zeit sagt sie sehr hübsche Sachen.
"Ich werde hier schlecht erzogen" (nach einem Kalauer von mir.) - -
Ich: "Wir wollen beide an unsren sündigen Busen schlagen." Sie: "Ach, wir haben ja gar keinen." - -
Man weiß nicht, wie man es mir recht machen soll. Ist das Fenster auf, mache ich es zu. Ist es zu mache ich es auf. " Frau Gerhard hat sich dann damit geholfen, daß sie es mir halb aufmachte."
Strasen ist in einem braunen Kuraufenthalt. Frau Str. wird ihm nächste Woche für 14 Tage folgen. (Dienst hat er dies Jahr ca 2 Monate getan.) Renate ist in einem K- Erholungsheim an der Nordsee. Im Juli geht Frl. Silber auf Urlaub. Marja fährt einige Zeit nach Ostpreußen. Ich darf zu Hause bleiben.
Die Generalversammlung der Gesellsch. f. deutsche Erz. u. Schulgeschichte, die ich umstelle, hat heut vor 8 Tagen stattgefunden. Abgesehen
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| von der Frechheit eines Studienrates ist sie glatt verlaufen. Alle Verbände müssen - zwecks Durchführung der weltanschaulichen Überwachung - dem Büro Rosenberg Angaben machen.
Um noch einmal auf die Hauptfrage zurückzukommen: Hier ist die Ansicht verbreitet, die Angelegenheit habe eine positive Lösung gefunden (also Gegenteil von Steiger.)
Die K.sche Rede in H. ist für mich eine Sammlung von Schwertern durch meine Seele. Überhaupt kommen solche jeden Tag eine Fülle. Ich glaube aber nun das Wichtigste erzählt zu haben. Heut oder morgen hoffe ich über Dein Ergehen etwas zu hören. Die Zahnsache ist hoffentlich geregelt und gut in Ordnung. Ich habe nun auch so ein teures Stück unten. Nimmst Du Bäder?
Das Wetter wechselt hier sehr. Eine Zeitlang war es unangenehm kalt. Nur Regen ist selten.
Ein inniges Gedenken und viele herzliche Grüße
stets Dein
Eduard.